:

Abschied von einem streitbaren Geist

VonWilfried MommertundMarc HerwigVerstummt war der wortgewaltige „Redner der Republik“ schon lange. Mit 90 Jahren ist er nun gestorben. Als moralische ...

Viele sahen in Walter Jens die moralische Instanz.  FOTO: Murat

VonWilfried Mommert
undMarc Herwig

Verstummt war der wortgewaltige „Redner der Republik“ schon lange. Mit 90 Jahren ist er nun gestorben. Als moralische Instanz wird er sobald nicht vergessen werden.

Tübingen.Sein Abschied von der Welt hat viele Jahre gedauert. Zuletzt konnte Walter Jens nicht mehr reden und nicht mehr schreiben. Einer der größten Intellektuellen der deutschen Nachkriegsgeschichte war durch seine Demenz-Erkrankung noch zu Lebzeiten verstummt. Doch er hing an dieser Existenz: Der Mann, für den ein Leben ohne die Künste früher so unvorstellbar schien, dass er dann lieber durch eine tödliche Spritze sterben wollte, hat bis zuletzt am Leben festgehalten.
Am Sonntagabend ist der Tübinger Professor und langjährige Präsident der Berliner Akademie der Künste im Alter von 90 Jahren gestorben. Immer waren es die Künste, für die sich der Literaturliebhaber und -wissenschaftler zeitlebens einsetzte. Jens war einer der profiliertesten streitbaren Geister in Deutschland, der sich von keinem Kanzler oder Präsidenten einschüchtern ließ. „Ich habe gern und oft verloren und bin ein klein wenig zernarbt“, sagte er einmal. „Man muss auch eher verlieren können als sich anzupassen.“
Viele sahen in Walter Jens eine „moralische Instanz“ und einen engagierten Demokraten. Der sprachmächtige Aufklärer und Christ brillierte mit einem Bildungskanon des Universalwissens, der andere staunen ließ.
Eigentlich wollte der Hamburger Bankierssohn Strafverteidiger oder Prediger werden. 1947 begann er mit dem Schreiben – im Laufe der Jahrzehnte entstanden Romane, Dramen, Hörspiele und Essays. 1950 kam er als Dozent an die Uni Tübingen, wo er 38 Jahre lang lehrte und den bislang bundesweit einzigen Lehrstuhl für Allgemeine Rhetorik aufbaute. 1950 stieß er auch zu der Schriftstellervereinigung „Gruppe 47“. Im selben Jahr gelang ihm der Durchbruch mit dem utopischen Roman „Nein. Die Welt der Angeklagten“.
Vor allem aber prägte er als gesellschaftspolitisch engagierter Moralist und Pazifist das geistige Nachkriegsdeutschland. Immer war Jens aneckend oder anregend, beides war ihm recht. Mit Emile Zolas Dreyfus-Parole „J’accuse!“ („Ich klage an“) meldete er sich zu Wort, wo immer er das Recht mit Füßen getreten sah. Sein geschliffenes Wort war gefürchtet und hatte Gewicht in der Republik. Gemeinsam mit seiner Frau Inge wurde er in den 1980er Jahren zu einer Galionsfigur der Friedensbewegung.
Im hohen Alter musste sich Jens dann aber auch kritisch selbst nach seiner Moral befragen lassen, als seine NSDAP-Mitgliedschaft als junger Mann offenbar wurde. Der Gelehrte verfiel in schwere Depressionen und wurde laut seiner Familie abhängig von Antidepressiva. „Kann ein 18-Jähriger nicht lernen?“, fragte er später.
„Hätte ich mich anders verhalten können? Dazu fehlte mir der Mut.“