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Unterwegs in Afghanistan

Teil 2: "Schritt für Schritt in die zweite Reihe"
Im Flieger nach Kabul nutzte General
Egon Ramms (rechts) jede freie Minute,
um die Stimmung der mitreisenden Sol-
daten zu erkunden. Foto: Guth
Kabul. General Egon Ramms - mit vier Sternen einer der ranghöchsten deutschen Soldaten - befehligt vom holländischen Brunssum aus den operativen Einsatz der ISAF-Schutztruppe in Afghanistan. Auf dem Flug von Köln nach Kabul sprach Hans-Joachim Guth mit dem gebürtigen Westfalen.

Es hat in der jüngsten Vergangenheit erhebliche Verluste unter der afghanischen Zivilbevölkerung gegeben. Ist das ein Grund für die NATO, daraus Konsequenzen zu ziehen?
Es geht nicht darum, in Afghanistan einen Krieg zu führen. Es geht darum, eine Operation durchzuführen, die letztendlich die afghanische Regierung in Verantwortung bringt und weiter die afghanischen Streitkräfte in die Lage versetzt, selbst für Schutz und Sicherheit sorgen zu können. Dann können die NATO-Kräfte im Rahmen von ISAF Schritt für Schritt in die zweite Reihe treten. Der Afghane muss sehen, dass seine Regierung, seine Polizei, seine Armee imstande ist, das Land aus der ersten Reihe heraus zu führen. Das ist der richtige Weg, auf dem wir nicht Gefahr laufen, dass man uns einen falschen Ruf anhängt - nämlich den eines Besatzers.

Kann man diesem - wie Sie sagen - falschen Ruf nur mit militärischen Mitteln begegnen?
Nein, mehr und mehr müssen wir unsere Bemühungen in diesem Land auf die afghanische Bevölkerung ausrichten. Der einfache Mann muss merken, dass er für sich und seine Familie konkrete Vorteile von unseren Operationen hat. Das schließt auch den Wiederaufbau ein, die Wiederherstellung von Stromversorgungsanlagen, von Straßen, den Bau von Schulen und Krankenhäusern.

Deutsche Soldaten haben afghanische Rekruten ausgebildet, die sie aber nicht in den Einsatz im Süden begleiten dürfen. Ist das sinnvoll?
Die Frage nach dem Sinn stellt sich für mich momentan nicht. Ich trage zwei Hüte. Ich trage den der NATO und ich bin Deutscher, was man unschwer an meiner Uniform erkennt. In Deutschland wurde so entschieden, wie die Dinge jetzt laufen. Aus der NATO-Perspektive bedauere ich das.

Warum?
Weil zum einen jetzt andere Verbündete mit ihren Ausbildern und Begleitern einsteigen müssen, ohne die Vorkenntnisse unserer eigenen Leute zu haben. Und wir werden wieder eine Diskussion haben über unsere Zuverlässigkeit im Bündnis.

Stichwort Zuverlässigkeit. Ist es auch mit Blick auf die Bündnissolidarität nicht angesagt, das deutsche Engagement auf den Süden auszudehnen?
Dieser Satz ist grundsätzlich erst einmal richtig. Aber wir brauchen in Deutschland die entsprechenden Entscheidungen. Das ist eine Aufgabe in der Politik. Aufgabe der Politik ist es zudem, der Öffentlichkeit in der Republik zu vermitteln, dass Bündnissolidarität und deutscher Sonderstatus - wo und wann auch immer der sich ergeben sollte - auf Dauer keine Lösung sein kann.

In Masar-i-Scharif sind sechs deutsche Aufklärungsflugzeuge vom Typ Tornado stationiert. Können Sie schon etwas sagen zu dem, was die Piloten an Erkenntnissen gewinnen konnten?
Was ich aus dem Kommando ISAF in Kabul gehört habe, bestätigt, dass unsere Piloten einen guten, einen unverzichtbaren Job machen. Insbesondere die Fähigkeit auch nachts mit Infrarot und hoher Auflösung aufklären zu können, zeichnet die deutsche Technik aus, die es in dieser Form bei den anderen Verbündeten nicht gibt.

Ist es denkbar, dass Aufklärungsergebnisse von der ISAF an die amerikanisch geführte Operation Enduring Freedom - kurz OEF genannt - weitergegeben werden?
Die Aufklärungsergebnisse gelangen auf elektronischem Wege von Masar nach Kabul und von dort auch in das Alliierte Luftführungskommando in Kathar. Es kann durchaus sein, dass das eine oder andere Resultat auch von OEF genutzt wird.

Sie haben kürzlich einen interessanten Vorschlag in Sachen Mohnanbau gemacht. Könnten Sie das noch einmal präzisieren?
Ich habe auf oberster NATO-Ebene angeregt, darüber nachzudenken, ob man nicht die gesamte Opium-Ernte in Afghanistan aufkauft, das für die pharmazeutische Industrie Notwendige bereitstellt und den Rest verbrennt. Der afghanische Bauer könnte so seine Familie ernähren, das Rauschgift jedoch käme nicht auf den Markt. Leider hat der Prozess des ernsthaften Nachdenkens - und ich meine hier nicht ausschließlich die NATO - in dieser Sache noch nicht begonnen.

Mit Splitterschutzweste, Handfeuerwaffen und permanent funktio-
nierender Funkverbindung chauffieren Spezialkräfte der britischen Armee Gäste vom Kabuler Flug-
hafen ins ISAF-Haupt-
quartier - auch auf der gefürchteten Jalalabad-Road. Foto: Guth

















>>> Allied Joint Force Command

Der deutsche Vier-Sterne-General Egon Ramms führt seit Januar das Allied Joint Force Command (JFC) im holländischen Brunssum. Dieser Posten wurde ihm vom Befehlshaber der Alliierten Streitkräfte, General John Craddock, übertragen. Das JFC Brunssum besteht mit dem JFC Neapel in Italien als Kommando-Ebene unterhalb des Europäischen Hauptquartiers SHAPE. Brunssum führt die gesamte Bandbreite von militärischen Operationen im Verantwortungsbereich der NATO, wobei die ISAF-Mission in Afghanistan höchste Priorität hat. Dem JFC sind drei sogenannte Component Commands für Luft-, Land- und Seestreitkräfte in Ramstein, Heidelberg und Northwood/Großbritannien untergeordnet. hjg

(Nordkurier, 25.05.2007)


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Hans-Joachim Guth
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