| Den Afghanen auf gleicher Augenhöhe begegnen | ||
| Gespräch mit dem deutschen Kommandeur der Multinationalen Brigade der Internationalen Schutztruppe | ||
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| Unser Reporter Michael Seidel hatte vor den jüngsten tödlichen Zwischenfällen deutscher Soldaten in Kabul mit ihm gesprochen. Was hat die Bundeswehr eigentlich in Afghanistan zu suchen? Oder anders gefragt: Was ist das deutsche Interesse an Afghanistan? Wir haben keine harten wirtschaftlichen Interessen hier, sondern in erster Linie ein humanitäres Interesse. Afghanistan ist aber auch eine wichtige geostrategische Region. Eine andauernde Destabilisierung hier würde den ganzen zentralasiatischen Raum gefährden. Die Stabilisierung gibt dem Land auf längere Sicht auch die Chance, international wieder auf gleicher Augenhöhe mitzuarbeiten. Im Vordergrund aber steht angesichts des Leids, das über 23 Jahren Krieg den Menschen hier gebracht haben, der humanitäre Aspekt. Nun bekämpfen sich aber schon länger wieder die Truppen von General Dostum und die des ermordeten Volkshelden Massud. Außerdem gibt es de facto drei verschiedene Armeen allein in und um Kabul: die von Amerikanern, Briten und Franzosen trainierte Nationalarmee, die verbliebenen Truppen der Nordallianz sowie Reste der alten afghanischen Armee. Wie lange kann das gut gehen? Unsere Aufgabe ist es, mit allen Sicherheitskräften zusammenzuarbeiten. Die alte afghanische Armee ist in offiziellen Strukturen dem Verteidigungsministerium direkt unterstellt. Daneben gibt es die neue ANA. Deren Ziel ist es, die alte Armee zu ersetzen und dabei, so weit es geht, deren fähigste Kräfte zu integrieren. Auch die anderen militärischen Verbände sollen eine Perspektive finden entweder in der ANA oder mit staatlicher Unterstützung im zivilen Leben. Ich halte dieses Konzept für richtig, denn nichts wäre schlimmer, als versprengte Partisanenarmeen ohne jegliche Perspektive zurückzulassen. Angesichts der teils apokalyptischen Zustände in Kabuls Zentrum: Wie nachhaltig kann dieser Militäreinsatz sein, wenn parallel dazu nicht die Infrastruktur wieder aufgebaut wird. Oh, was Hygiene angeht, ist das immer eine Frage des Standpunkts. Natürlich empfinden wir es als fürchterlich, wenn keine Kanalisation vorhanden ist. Aber die Einheimischen sind damit aufgewachsen, ihre Körper sind ganz anders darauf eingerichtet. Selbstverständlich muss hier aber mächtig etwas getan werden. Wir helfen durchaus im Rahmen unserer Möglichkeiten in der zivil-militärischen Zusammenarbeit (CIMIC), etwa beim Einrichten von Schulen und Hospitälern oder der Reparatur von Brücken. Aber daneben leisten ja bis zu 2000 Nicht-Regierungs-Organisationen (NGO) und die UN-Hilfsorganisationen Enormes: vom Minenräum-Programm über das Rote Kreuz bis zum World Food Programm. Außerdem sind die Menschen hier selbst sehr fleißig. Die suchen intensiv nach Arbeit, um zum Wiederaufbau beizutragen. Sie sind zum zweiten Mal im Afghanistan-Einsatz. Was hat sich seit dem ersten Mal geändert? Als ich im vorigen Jahr zum ersten Mal hier war, gab es erst vereinzelte Bretter- und Container-Buden, in denen zaghafter Handel versucht wurde. Jetzt scheint jeder, der noch einen zerschossenen Container hatte, ein Geschäft daraus gemacht zu haben. Sie haben selbst gesehen, wie die Straßen gesäumt sind. Und das ist auch ein Beleg für den Sinn unseres Einsatzes. Denn die Afghani holen ja nicht ihre letzten 50 Dollar unter der Bettdecke hervor, wenn sie nicht darauf vertrauen würden, dass ihr Geschäft von Dauer sein kann. Klar ist aber auch: Massive Investitionen aus dem Ausland sind nötig. Die kommen nur, wenn hier ein verlässliches Sicherheits-Klima herrscht. Auch dafür sind wir da. Der Bundeswehr schlägt hier besondere Sympathie entgegen. Andere Kontingente der multinationalen Brigade erfreuen sich dessen nicht so sehr. Worauf führen Sie das zurück? Die Afghanen sehen ganz genau, dass sie von uns auf gleicher Augenhöhe behandelt und nicht abgebügelt werden, wenn sie nicht spuren. Ich weiß nicht, ob es bei der Resonanz wirklich einen Unterschied zu anderen Nationen gibt. Wir haben zwar dasselbe Menschenbild, aber durchaus andere Einsatzgrundsätze. Aber wir als Bundeswehr sind nicht dazu da, unseren Partnern andere Einsatzgrundsätze beizubringen. Es sind oft Kleinigkeiten, die den Unterschied ausmachen. Mancher fragt während der Patrouille den Afghanen nach dem Wohlbefinden seiner Gattin. Dagegen fragt ein Informierter eher nach dem Wohl der Familie, verstehen Sie? Wir geben unseren Soldaten immer Flugblätter mit, wenn es hier einen Feiertag gibt damit sie im Bilde sind und damit sie den Afghanen zeigen können: Wir respektieren eure Kultur. Das ist eine sehr alte, traditionelle Kultur. Die darf man nicht einfach abbürsten. |
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