Gebackene Lehmziegel neben Ruinen
Eindrücke nach der Ankunft in Kabul

Kabul.
Heiß und trocken schlägt mir die Luft entgegen, als ich in Begleitung eines schwäbischen Journalistenkollegen aus der kleinen Oase des „German Guest House“ auf die Straße trete. Trocken, heiß und geschwängert von einem würzigen Duft, als würde die ganze Stadt Opiumpfeife oder Haschisch rauchen. Doch es ist das teuer aus Pakistan importierte Brennholz, das wie eine aromatische Glocke aus Smog über die 3-Millionen-Einwohner-Stadt Kabul hängt. Holz, das in den improvisierten Grills der Gar-Stuben am Straßenrand schwelt, das in den Ziegelei-Öfen am Straßenrand lodert und an dessen Feuer sich im harten Winter die Menschen die Hände wärmen. Heute aber glühen dreißig Grad im Schatten, kaum ein Lüftchen verschafft Kühlung. Und wenn doch eine Böe um die Ecken huscht, trägt sieeinen Lehmstaub mit sich, der in alle Poren dringt. Auf dem Weg durch das „Botschaftsviertel“ erlebe ich Kabul noch recht aufgeräumt und intakt. Um die weitläufige Residenz von Übergangs-Präsident Hamid Karzai herum liegen Repräsentanzen internationaler Hilfsorganisationen, verschiedener UNO-Behörden, auch das Büro der Europäischen Union. Mittendrin das Hauptquartier der internationalen Schutzmacht ISAF und gleich daneben die US-Botschaft. Genau dazwischen war kürzlich eine Rakete eingeschlagen. Bis heute rätseln die Verantwortlichen, wem sie wohl galt.

Überall Schilder
An den Präsidentensitz grenzt eine hinter besonders hohen Splitter- und Sichtschutzwällen schwer identifizierbare Institution. Überall Schilder:Fotografieren verboten. Ich halte mich daran, knie aber ein Stück weiter nieder, um mir die Schnürsenkel zu binden. Ein Fehler, denn etwa fünfzig Metern weiter versperren uns bewaffnete Zivilisten, die aus zwei Autos und von einem Motorrad springen, den Weg: Unmissverständlich weist mich ein Amerikaner auf das Fotoverbot hin, meine Kamera wird inspiziert. Als ich mich als deutscher Journalist ausweise, entspannt er sich etwas und lässt mich mit meinem Kollegen nach nochmaliger Warnung schließlich ziehen. Unseren Verdacht bestärken später Ortskundige: Wir hatten wohl das Misstrauen von CIA und afghanischem Geheimdienst erregt. Unser Weg führt uns weiter Richtung Zentrum. Der süddeutsche Kollege kennt Afghanistan aus achtjähriger Reiseerfahrung. Er bleibt deshalb auch weit gelassener und bestimmter, als zwei vielleicht zehnjährige Mädchen sich an uns hängen und zunächst flirtend, später fast fordernd um „Bakschisch“ betteln. Herzzerreißend, man möchte jedem dieser liebenswürdigen Kinder etwas in die Hand drücken. Doch gibt man einem, hängt sich einem ein ganzer Tross an die Fersen.

Handel im Container
Wir erreichen die Ausläufer des Basars in der Innenstadt. Ruinen, wohin ich schaue. Stadtviertel in Trümmern, wie ich schon bei der Fahrt vom Flughafen in die Stadt gesehen hatte. Stahlbetonbauten aus den 60er und 70er Jahren, dazwischen Hütten und kleine Zweigeschosser aus grauen Backsteinen. Diese sonnengetrockneten Lehmziegel werden auch jetzt wieder entlang der Einfallsstraßen „gebacken“. Mit schlichten Holz-Lehren zu jeweils acht Stück geformt, lagern sie in langen Reihen in der prallen Sonne. Entlang der Hauptstraßen im Zentrum sind daraus zumindest in erster Reihe bereits wieder kleine Läden gemauert worden.
Wer sich keine Steine leisten kann, hat alte russische Stahlcontainer zurechtgeschoben und darin sein Geschäft eingerichtet. Im vorderen Teil wird gehandelt, im hinteren gewohnt. Hier werden frische Melonen und anderes Obst feilgeboten, nebenan hängen Teile von Ring- und Hammelfleisch an den Gestängen. Hier repariert ein junger Mann Fahrräder, dort biegt und lötet ein anderer aus allerlei zusammengesuchten Blechen akurate Schubkarren zusammen. Mit denen schieben und zerren kleine Jungen und Mädchen Wasserkanister, Baumaterial oder Mehlsäcke durch die holprigen Gassen. Der Schreiner zimmert am Straßenrand Fensterrahmen oder Möbel zusammen, daneben bietet sein Nachbar Stangenholz und Schalbretter an - Baumarkt auf afghanisch.
Die „Autowaschanlage“ besteht aus einer gemauerten Rampe und fünf bis sechs jungen Männern, die den nagelneuen Jeep einer Hilfsorganisation in Windeseile einseifen, klarspülen und polieren.
Wenige Schritte daneben kauert ein Taxifahrer, dessen Wagen am gegenüber liegenden Straßenrand aufgebockt steht. Er wartet geduldig, dass ihm der „Reifendienst“ das zerschlissene Hinterrad mit nahezu bloßen Händen vulkanisiert.

Bonus für Deutsche
Anrührende Beflissenheit schlägt mir allerorten entgegen. "How are you?", lautet die höfliche Frage der gastfreundlichen Menschen und "germans are good", sobald sie mitbekommen, woher man kommt. Den Deutschen wird zugute gehalten, erklärt mir mein Kollege und "Fremdenführer", dass sie seit den 20er Jahren und über alle Kriegswirren hinweg mit Unternehmen und Hilfsorganisationen hier die Stellung gehalten haben. Bis vor etwa 25 Jahren galt Kabul, die 1800 Meter hoch gelegene Hauptstadt Afghanistans, als eine Hochburg der Hippie-Bewegung. Eine blühende Stadt, in der reger Handel mit heimischem Kunsthandwerk, mit Halbedelsteinen, Stoffen und Teppichen, mit Nüssen und Rosinen getrieben wurde. Afghanistan gehörte zu den weltgrößten Rosinen-Exporteuren. Große Fabriken produzierten am Rande der Stadt, darunter auch der deutsche Chemiekonzern Hoechst, der hier Medikamente für Zentralasien herstellte. Längst vergangene Zeiten.

Zerschossene Fabriken
Das Hoechst-Logo prangt zwar noch über dem einstigen Firmengelände. Doch die Fabrikhallen liegen – wie auch der größte Teil des übrigen Kabul – in Trümmern. Buchstäblich zerschossen in 23 langen Jahren des Krieges. Der Kabul-Fluss, der die Stadt durchschneidet, ist momentan ein Rinnsal. Das Flussbett gleicht einer Müllhalde. Die weiter draußen würzige Luft nimmt einem hier fast den Atem. Eine apokalyptische Szenerie, die jedem Endzeit-Film zur Kulisse gereichen würde. Doch obwohl die Stadt noch kaum Strom, wenig Wasser und keinerlei Kanalisation hat, pulsiert sie schon wieder. Möglich durch die Präsenz der internationalen Schutz- und Unterstützungs-Truppe ISAF, die momentan unter deutsch-niederländischem Kommando steht. Aber auch dank der über 2000 Hilfsorganisationen, die sich hier engagieren. Darüber wollen wir in den nächsten Tagen etwas detaillierter berichten.
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