| Gut zu wissen, wie der Kamerad tickt | ||
| Patrouillen bestimmen den Alltag deutscher Soldaten in Kabul Kabul. Schon die Vergatterung durch den Patrouillenführer macht die Brisanz deutlich: Vor ein paar Tagen flog eine Handgranate über die Mauer der britischen Kompanie, vorgestern wurden zwei norwegische Offiziere in der Stadt angeschossen. Also, erinnert Oberfeldwebel Sven Kaiser* seine Soldaten, haltet die Augen offen! Doch den Hauptgefreiten Georg Szarvasy, Enrico Klinger und Christian Schimmank und ihren Kameraden der Frühpatrouille ist ohnehin bewusst, was sie hier tun. Mit Jeep und geländegängigem Zweitonner geht es durch die Sicherheitsschleuse hinaus aus dem Camp Warehouse. Heute am Freitag, der im islamischen Afghanistan der Sonntag ist, hält sich der Verkehr in Grenzen. Was nichts heißt. Verkehrsregeln gelten nicht. Hupe und Warnblinker geben den Takt vor. 3300 mal ausgerückt Mit Karacho, wie vom Oberfeldwebel befohlen, geht es durch Kabuls Zentrum nach Südwesten, dem Operationsgebiet der deutschen Battlegroup West. Beständiges Ausweichen und eine Vollbremsung inbegriffen. Die Patrouillen sind das Hauptgeschäft der von 26 Nationen gestellten Kabul Multinational Brigade (KMNB). Seit Januar haben die deutschen Einsatzverbände rund 3300 Patrouillen bei Tag und Nacht absolviert, davon die Hälfte gemeinsam mit afghanischen Polizisten, zu deren Ausbildung sie beitragen. Die KMNB ist gewissermaßen der bewaffnete Arm der International Security Assistance Force (ISAF), der Sicherheits- und Unterstützungstruppe für den Großraum Kabul und die Übergangsregierung von Präsident Hamid Karzai. Seit Februar stehen ISAF und KMNB unter deutsch-niederländischer Führung.Die drei Hauptgefreiten aus Brandenburg hatten sich schon bei der Musterung für Auslandseinsätze gemeldet. Sechs Monate wurden sie quer über alle Übungsplätze Deutschlands für den Kosovo ausgebildet. Doch statt für den Balkan kam Anfang Januar der Marschbefehl nach Kabul. Dafür haben wir alle verlängert, erwähnt Klinger beiläufig. Ihre ursprüngliche Verpflichtungszeit hätte nicht ausgereicht für den sechsmonatigen Einsatz plus Nachbereitung. Froh sind sie, immer ein Team geblieben zu sein. Wir wurden trainiert auf ein aggressives Umfeld im Kosovo, erzählt Szarvasy. Dagegen empfangen uns die Menschen hier mit offenen Armen. Trotzdem muss man auf der Hut sein. Da ist es gut zu wissen, wie der Kamerad neben dir tickt. |
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| Während die Hauptgefreiten aufmerksam das Terrain sondieren, versucht Kaiser, von den inzwischen versammelten Einwohnern Konkreteres herauszufinden. Sechs Männer, sieben Versionen, so sein lakonischer Kommentar. | ||
| Nach einem ausgedehnten Streifzug durch die für hiesige Verhältnisse erstaunlich intakte Siedlung erreicht die Patrouille das landestypisch mit grauen Lehmmauern eingefriedete Gehöft des Überfallenen. Den Hausherrn treffen die Soldaten nicht an. Seine Frau wagt nur aus dem Dunkel des Raumes mit ihnen zu sprechen. Dabei stellt sich heraus: Es hatten lediglich einige Fremde unter dem Vorwand, Freunde zu sein, eines Nachts Einlass begehrt. Nebeneinkünfte der Polizei Wir observieren aufgrund solcher Hinweise die Gegend ständig mit Nachtsichtgeräten, haben aber noch keine Räuber entdeckt, erklärt Patrouillenführer Kaiser. Aber das hat nichts zu sagen. Nach seiner Erfahrung dienen die afghanischen Polizisten, die am Straßenrand Streife stehen, Freischärlern als Meldekette. Sie bekommen oft über Monate keinen Lohn und sind deshalb für Nebeneinkünfte empfänglich. Solange wir in der Nähe sind, passiert nichts, erklärt Kaiser. Das schließt nicht aus, dass versprengte Kämpfer sich mit Überfällen ihr Auskommen erzwingen, sobald wir weg sind. Er verspricht dem Malik, häufiger nach dem Rechten zu sehen. |
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| Die Soldaten ignorieren die charmant vorgetragene Bettelei der Kinder freundlich. Dafür bringen sie gelegentlich Schreibblöcke und Stifte mit oder Schulbänke und ein Regal, um das der Direktor unlängst gebeten hatte. Das leiere ich notfalls unserem Materialmeister aus dem Kreuz, erzählt Kaiser. | ||
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| Dagegen ist die von einer Hilfsorganisation schon vor Monaten versprochene Stromleitung bis heute nicht verlegt. Kaiser verspricht, nachzuhaken. Die Einladung zum Essen muss er ausschlagen. | ||
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| Nach Stunden in voller Kampfmontur kehrt die Patrouille mit Karacho ins Camp zurück. In der Sicherheitsschleuse begegnet ihnen die Tagespatrouille. Am Abend werden die Brandenburger erneut ausrücken. So geht das die ganzen sechs Monate. Kein freier Tag. Einige Stunden Freizeit, in denen man den Staub aus der Haut wäscht, Hanteln stemmt oder in einer Betreuungseinrichtung ein Bier trinkt. Wenn man zu viel Zeit hätte, meint Hauptgefreiter Schimmank, käme man vor Langeweile auf dumme Gedanken. Mancher ringt mit familiären Problemen. Die Scheidungsrate liegt gerüchteweise bei 70 Prozent. Trotzdem wollen die drei Soldaten ein zweites Mal nach Kabul gehen. Da mögen die 92 Euro Kriegsgebiets-Zuschlag pro Tag ein Anreiz sein, ausschlaggebend scheinen sie nicht: Kabul verändert uns alle, sinniert Szarvasy. Nichts von dem Luxus zu Hause ist mehr selbstverständlich. Und die Erlebnisse sind eine wahnsinnige Lebenserfahrung. Dass ihr Einsatz von der heimischen Öffentlichkeit kaum noch beachtet wird, stört die Hauptgefreiten nicht sonderlich. Sie sind sich auch nicht sicher, was der enorme ISAF-Aufwand dem Land langfristig nützt. Für den Moment aber hilft man den Menschen wirklich. Schon das ist den Einsatz wert. * Name zum Schutz der Person und seiner Familie geändert |
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