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Unterwegs in Afghanistan

Sorge um Zukunft Afghanistans

Einsatz in Kabul: Deutsche Soldaten
sperren diese Kreuzung, um die Zeremo-
nie zur Ausweitung des Einsatzes der inter-
nationalen Schutztruppe ISAF auf ganz
Afghanistan zu sichern. Foto: afp
ZWISCHENBILANZ Nach fünf Jahren am Hindu-
kusch ist die Mission der Bundeswehr fragwürdiger denn je.

Von Michael Seidel

Schwerin. Fünf Jahre ist es her, seit sich die größten ethnischen Gruppen Afghanistans auf dem Bonner Petersberg auf "provisorische Regelungen bis zum Wiederaufbau dauerhafter Regierungsinstitutionen" einigten. Auf dieser Grundlage verabschiedete der UN-Sicherheitsrat am 20. Dezember 2001 die Resolution 1386, zur Errichtung einer internationalen Sicherheitsbeistandstruppe (ISAF) zunächst für sechs Monate. Ihr Auftrag: Die Interimsregierung wie auch die UN-Helfer in Kabul und Umgebung zu schützen, damit sie "in sicherem Umfeld tätig sein können". Zwei Tage vor Weihnachten erteilte der Deutsche Bundestag dem ersten deutschen Kontingent das Einsatzmandat. Am 2. Januar 2002 traf das Vorauskommando der ISAF in Kabul ein. Am 14. Januar patroullierten erstmals deutsche Soldaten in der Hauptstadt.

Seither sorgten Tausende Bundeswehrsoldaten im Großraum Kabul und inzwischen in allen nördlichen Provinzen für Sicherheit und zivilen Wiederaufbau, bildeten die neue Nationalarmee ANA aus. Parallel dazu leiteten deutsche Polizisten den Aufbau einer Polizei. Seit 2001 starben 15 Soldaten - acht bei Anschlägen, sieben bei einem Helikopter-Absturz. Über 30 wurden teils schwer verwundet.

Doch während in den ersten Jahren die Fortschritte spürbar schienen, hat sich - seit Präsident (2004) und Parlament (2005) erstmals frei gewählt wurden - die Lage drastisch verschlechtert. Waren die 2001 von einer Allianz unter US-amerikanischer Führung gestürzten Taliban lange nur im Süden des Landes aktiv, tragen sie ihren Terror längst bis nach Kabul hinein. Fuhren deutsche Soldaten anfangs recht leger in offenen Fahrzeugen auf Patrouille, sind ungepanzerte Ausfahrten nunmehr die absolute Ausnahme.

Die aktuelle Lage erklärt sich aus der Vorgeschichte: Die Taliban sind auch ein Produkt der USA-Strategie gegen die einstige Sowjetbesatzung und können ähnlich dem Irak oder Konflikten in Lateinamerika als Beleg für gescheiterte Weltpolizei-Strategien gelten: Vielerorts haben US-Militär und -Geheimdienste Rebellen für eigene Interessen instrumentalisiert - bis die sich gegen sie wendeten. Die "Freiheitskämpfer" (Mudshahedin) wurden einst von der CIA trainiert und ausgerüstet. Höhlen-Festungen, in denen Osama bin Laden sich angeblich verschanzt, waren mit US-Hilfe gebaut worden.

Indes hatten die Freischärler ihrerseits "den Westen" stets für ihre Ziele instrumentalisiert: Das Ringen um Macht und Einfluss gegenüber konkurrierenden Warlords wie auch die Zentralregierung in Kabul. Das war schon im 19. Jahrhundert so, haben Militärforscher nachgewiesen. Geschichtlich war Afghanistan nie wirklich ein Nationalstaat, eher eine fragile Zweckgemeinschaft der Zentralregion Kabul mit Clans in den Provinzen.

Schuld an der aktuellen Situation ist wohl auch die Parallelität zweier Afghanistan-Missionen, die dem Krimi-Motto "guter Polizist/böser Polizist" folgen: Die US-geführte Allianz (mit Beteiligung der deutschen Spezialeinheit KSK) führt Anti-Terror-Krieg in ganz Afghanistan. Davon strikt getrennt agiert die ISAF polizeiähnlich als "Freund und Helfer". Das zu unterscheiden fällt vielen Afghanen, von denen 70 Prozent Analphabeten sind, von denen die meisten in 22 Jahren Bürgerkrieg nichts als das Kriegshandwerk lernten, schwer.

Hinzu kommt als wohl größter Fehler, dass das ISAF-Mandat keinen robusten Auftrag zur Bekämpfung des Drogenanbaus enthielt. Bisher laufende "weiche" Programme bleiben wirkungslos. So hat sich der Mohnanbau unter dem Schutz der ISAF potenziert, 2006 war erneut eine Rekordernte. Laut Experten stammen inzwischen über 95 Prozent der weltweit gehandelten Opiate aus Afghanistan. Aus den Erlösen speist sich die Macht der Regionalfürsten wie der Taliban. Außenamts- Staatsminister Gernot Erler mahnte jüngst: "Wenn wir diesen Gordischen Knoten nicht durchschlagen, wird der Aufbau- und Friedensprozess scheitern." Allerdings sei bei der Bekämpfung des Drogenanbaus vor allem die afghanische Regierung in der Pflicht. Notfalls müsse man finanzielle Unterstützung stärker von Fortschritten abhängig machen.

Doch auch die islamischen Nachbarstaaten führen laut Geheimdiensten wie auch Hilfsorganisationen einen Stellvertreterkrieg in Afghanistan - gegen ein Vordringen westlicher Zivilisationsmodelle. Die Taliban könnten trotz der Drogengelder nicht so massiv erstarken, würden sie nicht permanent aus Saudi-Arabien und dem Iran, wohl auch von Pakistan finanziert. Zwar zählt Pakistan offiziell zur westlichen Allianz, doch gilt das Bündnis als politisch und militärisch erpresst. Und so logieren im pakistanisch Grenzgebiet jene Koran-Schulen, die den Taliban fanatisierten Nachwuchs liefern.

Dennoch warb jüngst im Bundestag Außenminister Frank-Walter Steinmeier um erneute Verlängerung und Ausweitung des Bundeswehr-Mandats: "Afghanistan ist nur dann verloren, wenn wir es aufgeben. Es hat Rückschläge gegeben und es gibt sie weiter. Wir dürfen uns nicht zurückziehen." Die junge Generation im Land setze ihre ganze Hoffnung auf die internationale Staatengemeinschaft.

Um das "Durchgangsland" am Hindukusch dauerhaft zu befrieden, halten hohe Brüsseler Militärs indes eine Kampftruppe von rund 150 000 Mann für erforderlich. Eine illusorische Zahl. De facto stehen bei ISAF und Enduring Freedom zusammen nur 33 000 Soldaten im Einsatz. Die USA hatten ihr Kontingent gerade erst zulasten der ISAF reduziert, weil sie ihre Truppen im Irak brauchen. Hohe NATO-Offiziere im Hauptquartier Mons bei Brüssel ließen indes kürzlich wissen: "Wir stehen möglicherweise in Afghanistan schon bald vor ähnlich chaotischen Verhältnissen wie im Irak."

Bei deutschen und anderen westlichen Politikern wird schon seit geraumer Zeit immer intensiver gefragt, ob der afghanische Präsident Hamid Karsai noch der richtige Mann an der Spitze des Landes ist. Er habe die Erwartung enttäuscht, das zersplitterte Volk am Hindukusch zu einen. In Kabul rufen unterdessen immer mehr Imame ihre Gläubigen in den Moscheen auf, sich dem Widerstand der Taliban gegen Karsai "schnell anzuschließen". Außenminister Steinmeier indes sagte im Bundestag: "Afghanistan ist dann verloren, wenn wir es aufgeben".

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Michael Seidel
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