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Alter Schmerz und täglich neuer Kampf

Rückblick: Das erste November-Wochenende wird in die Geschichte der Unfallstatistik Mecklenburg-Vorpommerns als eines der ganz schlimmen eingehen.

Vier junge Menschen sterben mitten in Greifswald, als ein Autofahrer mit "heißen" Reifen durch ein Wohngebiet der Hansestadt rast: Der Fahrzeugführer selbst, zwei Insassen und ein nichts Schlimmes ahnender 17-jähriger Fahrradfahrer. Das infolge völlig überhöhter Geschwindigkeit außer Kontrolle geratene Auto schleuderte den Radfahrer 40 Meter durch die Luft und prallte anschließend gegen einen Baum.

"Als ich das gelesen habe", sagt Sibylle Finck, "kam unser eigenes Leid mit voller Wucht wieder hoch." Die 41-Jährige aus Bugewitz (Landkreis Ostvorpommern) hat im August vor zwei Jahren ihren Sohn bei einem Verkehrsunfall verloren. "Basti war 16 und war mit dem Fahrrad vom Federball-Training unterwegs nach Hause. Ein junger Autofahrer fuhr mit 120 Stundenkilometern durch Anklam und riss unseren Sohn mit sich. Sebastian hatte keine Chance."

Sybille Finck hat, wie sie eingesteht, mehr als ein Jahr gebraucht, um den Tod ihres Sohnes zu akzeptieren. "Aber wenn man Nachrichten wie diese hört, ist alles wieder ganz frisch." Bis heute muss die Frau, genau wie ihr Mann, psychologische Hilfe in Anspruch nehmen und ohne Antidepressiva könne sie keinen Tag überstehen. Familie Finck engagiert sich seit dem Begräbnis ihres Sohnes im Verein "Täter-Raser-Opfer". Gemeinsam mit den Müttern und Vätern der im Sommer 2005 auf Rügen von einem angetrunkenen und "bekifften" Raser getöteten vier Jugendlichen kümmert sich die Bugewitzerin seither um die Aufklärung junger Verkehrsteilnehmer und ist regelmäßig bei Eröffnungen von Ausstellungen des Vereins dabei. Um zu verhindern, dass andere Eltern durchmachen müssen, was ihr und ihrer Familie widerfahren ist.

Doch nutzt das auch nicht immer - wie beim jüngsten Greifswalder Unglück. Mehr erzieherische Wirkung würde nach Ansicht der leidgeprüften Mutter von drastischeren Strafen ausgehen. "Wir haben damals leidenschaftlich dafür gekämpft, dass der junge Mann, der Schuld am Tod unseres Sohnes trägt, ins Gefängnis muss." In erster Instanz verurteilte den ein Richter zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren, nach Berufung verkürzte das Landgericht das Strafmaß auf zwei Jahre und drei Monate.

Fincks begleiteten den Prozess als Nebenkläger und konnten dem Angeklagten dabei direkt ins Gesicht schauen: "Vor Gericht hat er sich eine Entschuldigung abgerungen. Das war alles".

Einmal im Monat treffen sich die Hinterbliebenen, die im Verein organisiert sind. "Ganz wichtig", sagt Sibylle Finck, "dass man sich mit Menschen austauschen kann, die auch wissen und fühlen, wovon man redet." Jeder Tag sei ein neuer Kampf, dem man sich stellen muss. "Man lernt alles neu - essen, fühlen, schlafen." Aufgewacht aus der schlimmsten Trauer sei sie erst, als Sebastians Schwester sich gemeldet habe: "Mama, ich bin doch auch noch da und ich lebe."

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