Zeit-Reportage wirft Fragen auf:

Anklams letzte Demokratie-Bastion?

Überregionale Medien sehen Anklam häufig als deutsche Nazihochburg. Die ZEIT schreibt nun von einem "zwanghaften Verhältnis" der Anklamer zu "Ordnung und Sauberkeit". Wir befragten die Greifswalder Autorin nach diesen und anderen überraschenden Anklam-Diagnosen.

Glaubt man dem Hamburger Wochenblatt "Die Zeit", ist der Anklamer Bahnhof der letzte Hort der Demokratie in der Stadt.
Anne-Marie Maaß Glaubt man dem Hamburger Wochenblatt "Die Zeit", ist der Anklamer Bahnhof der letzte Hort der Demokratie in der Stadt.

Schon seit Wochen sind die Stadt Anklam und umliegende Gemeinden wieder einmal im Fokus der bundesweiten Presse - Eine Liste mit entsprechenden Links finden Sie am Ende dieses Artikels. Die Wahlen, die Stärke der AfD, die Verwurzelung der NPD, das immer noch bestehende Image als Stadt der Wende-Verlierer. Für Journalisten, Leser, Zuhörer und -schauer offenbar stets ein spannendes Thema, das aktuell recht differenziert und ohne die früher üblichen Anklam-Klischees aufbereitet wurde.

Doch jetzt sorgt ein Text wieder für Aufregung in der Stadt, eine Zeit-Reportage zeichnet ein gruseliges Bild. Eine "Stadt ohne Hoffnung", in der Rechte Menschenjagden veranstalten und nur eine kleine Gruppe Mutiger noch Widerstand leistet. Konkret: Der Demokratiebahnhof mit seinen tapferen Akteuren aus Greifswald, belächelt oder gar beschimpft von der Masse der Anklamer, die doch irgendwie auch schon verloren sind für Demokratie und Menschlichkeit. Die lieber ihre Hecke stutzen, als sich für eine funktionierende Gemeinschaft starkzumachen.

"Den Kopf voller dunkler Bilder"

Klar, wenn das Kleinstadtleben für eine bundesdeutsche Öffentlichkeit aufbereitet wird, dann muss man schon mal zuspitzen. Das Thema, der Konflikt muss verständlich sein, vor allem für Menschen, die weder Ort noch Umstände und schon gar nicht die handelnden Personen kennen. Aber ob das so wie in diesem Text sein muss?

"Wer hier (...) aus dem Zug steigt, hat den Kopf voller dunkler Bilder: von aufmarschierenden Rechten; von Neonazis, die Punks durch die Stadt jagen; von Gewalttätern, die Ausländer schwer verletzen." Das fängt ja gut an, die Bemerkung spielt offenbar auf einen Übergriff auf drei Asylbewerber im Jahr 2014 an. Dass sich in der Stadt zahlreiche Institutionen und stadtbekannte Personen umgehend und öffentlich mit den Angegriffenen solidarisierten – bei der Zeit verzichtet man lieber darauf, das zu erwähnen.

Komisch, die Polizei weiß von nichts

Ist Anklam aber wirklich eine solche Hochburg rechter Übergriffe und Aufmärsche? Zumindest die offiziellen Zahlen der Polizei geben das nicht her. Und die Aufmärsche der Rechtsextremen? In den vergangenen zwölf Monaten gab es drei Demonstrationen gegen die Asylpolitik – alle mit Verbindungen in die rechte Szene, was ins "Zeit"-Bild passt. Diese Demonstrationen fanden allerdings statt, als sich bundesweit solche Märsche häuften. In der Universitätsstadt Greifswald etwa, in der die Autorin Anke Lübbert wohnt, gab es über Monate jede Woche derartige Veranstaltungen.

In ihrem Text heißt es auch, neben dem Demokratiebahnhof existiere "kein anderer Ort, der so stark auf die Defizite von Anklam hinweist." Die Autorin bestätigt diese Einschätzung gegenüber dem Nordkurier auch im Nachgang. "Bei meiner Recherche habe ich das so wahrgenommen. Da spielt sicher auch die exponierte Lage des Bahnhofs eine Rolle", sagt sie.

Zweifel an dem Projekt

Ihre Wahrnehmung ist für den Bahnhof und die Arbeit der Greifswalder Pfadfinder immerhin ein gutes Zeichen. Denn es ist noch gar nicht lange her, da äußerten viele Zweifel an dem Projekt. Vertreter der Polizei, der Stadtverwaltung, nicht zuletzt die Macher selbst. Man habe es wirklich schwer und finde keinen richtigen Draht zu den Jugendlichen, hieß es nach dem ersten Jahr in Anklam.

Jetzt indes konnte man in der Zeit ausführlich von der erfolgreichen Demokratiearbeit im Bahnhof lesen, die gegen alle Widerstände geleistet werde. Ein Leuchtturm also in einer Stadt, die sonst in bräunlicher Düsternis verdämmert, so der Tenor.

Nur: In Anklam gibt es zahlreiche Institutionen, die sich mit Demokratie, Menschlichkeit und der Arbeit gegen Rechtsextremismus befassen.

- Das Stadtteilbüro des ASB, der Nachbarschaftstreff der Caritas,
- der Demokratieladen,
- das Regionalzentrum für Demokratische Kultur,
- das Friedenszentrum,
- der Präventionsrat der Stadt,
- das Bündnis "Anklam für alle",
- das Jugendzentrum "Mühlentreff",
- zahlreiche Sportvereine, die sich auch in der Flüchtlingsarbeit engagieren,
- die Kirchen...

Sie alle verschwinden offenbar hinter dem mit beträchtlichen Summen geförderten Forschungsprojekt "Demokratiebahnhof", das das Bundesinstitut für Stadt-, Bau- und Raumforschung in Anklam ins Leben rief und für dessen Durchführung sich die Greifswalder Pfadfinder erfolgreich bewarben.

Anklamer und Mitbestimmung

Die Menschen in Anklam, so schreibt Lübbert weiter, könnten mit Mitbestimmung nichts anfangen. Dem Nordkurier sagte sie dazu: "Ich habe mir auch die Protokolle der letzten vier oder fünf Stadtvertretungen angesehen, die Einwohnerfragestunde wird kaum oder gar nicht genutzt", erläutert sie.

Dass in einer Kleinstadt die Bürger ihren Stadtvertretern, die sie kennen und die sie gewählt haben, ihre Fragen vielleicht direkt mit auf den Weg geben, dieser Gedanke kommt ihr offenbar nicht. Vielleicht sind ihrer Meinung nach die Anklamer aber auch zu sehr mit dem von ihr entdeckten "zwanghaften Verhältnis zu Ordnung und Sauberkeit" beschäftigt.

Eine Erkenntnis, die sie angeblich aus vielen Gesprächen in der Stadt mitgenommen hat. Wenn das stimmt liegt das aber vielleicht auch daran, dass die Stadt von Außenstehenden zu oft nur zu gerne als braune Schmuddelstadt beschrieben wird.

Den Zeit-Artikel "Anklam: Die sanfte Provokation" finden Sie hier noch einmal zum Nachlesen.

Weiterführende Links

Nordkurier: Samsung Galaxy Tablet ohne Anzahlung

Kommentare (1)

"Wer hier (...) aus dem Zug steigt, hat den Kopf voller dunkler Bilder: ..." Ja, das ist in wahrsten Sinne des Wortes Voreingenommenheit, die höchste Tugend besserwisserischer Journalisten. Wer schürt denn permanent diese Vorurteile? Gerade die ZEIT tut sich hervor mit solchen Vorurteilen, zuletzt in einer mehrteiligen Serie. Das ist ein Schlag ins Gesicht der Menschen, die hier leben und sich für Demokratie, Menschlichkeit und Zusammenleben engagieren