:

Das Land, in dem der Seeadler herrscht

Sie waren schon sogut wie ausgestorben,jetzt haben Seeadler wiedervon Penkun über Pasewalk und die Insel bis Anklam und Jarmen den Luftraum erobert. Unser ...

Im Großkreis gibt es über 100 regelmäßige Brutpaare, Tendenz weiter steigend.

Sie waren schon so
gut wie ausgestorben,
jetzt haben Seeadler wieder
von Penkun über Pasewalk und die Insel bis Anklam und Jarmen den Luftraum erobert. Unser Naturreporter Norbert Warmbier nimmt sie zum Auftakt unserer neuen
Montagsserie über
Wildtiere in Vorpommern mit zu den besten Beobachtungspunkten.

Vorpommern.Es ist echt beeindruckend! Rings um Anklam haben jetzt bis zu 14 Seeadler die Lufthoheit im Peenetal übernommen. Es ist nicht zu übersehen: Deutschlands Wappentier, der imposante Seeadler, befindet sich mächtig im Aufwind, und hier ganz besonders. Die Renaturierungsflächen in dem Niedermoorgebiet um die Lilientalstadt sind aber auch ein ideales Jagdgebiet, das übrigens erst nach der Wende entstand. Die zu DDR-Zeiten zur Kultursteppe degradierten Grünlandflächen mit industrieller Wirtschaftsgrasproduktion im ausgebluteten Peenetal boten keinen Platz für Wildtiere. Selbst Schmetterlinge und Wildblumen fanden keinen Lebensraum mehr. Dieses Bild hat sich heute für die Gallionsfigur des pommerschen Naturschutzes im Peenetal vollkommen verändert, denn von Loitz über Jarmen und Gützkow über den Lassaner Winkel bis hin zu den Haffbruchwiesen bei Bugewitz entwickelten sich wieder urwüchsige Moorgebiete. Aber auch das jahrzehntelange Ringen der pommerschen Naturschützer um die Erhaltung der Seeadler mit ihren Brutstätten hat Früchte getragen. Rekordergebnisse konnten auch vom Greifswalder Bodden gemeldet werden, denn bei Zählaktionen wurden hier bis zu 35 Seeadler erfasst. Bei den Wasservogelzählungen auf der Insel Usedom und deren Küstenregionen konnten schon 101 Krummschnäbel registriert werden. Nahe der Kaiserbäderbrücke bei der B 110 entdeckten Ornithologen Sommergesellschaften von 26 dieser Riesengreife. Die bisher größte Schlafgesellschaft in Pommern von 51 Seeadlern beobachteten Vogelfreunde in den Renaturierungsflächen der Haffbruchwiesen zwischen Kamp und Rosenhagen im Naturschutzgebiet „Anklamer Stadtbruch“. Der braune Riese mit dem wachsgelben Schnabel und dem weißen Stoß ist so zwischen Peenemünde, Strasburg, Pasewalk und Penkun wieder ein Charaktervogel unserer pommerschen Heimat. Wahrscheinlich an mehr als 100 Stellen in Vorpommern-Greifswald, meist in dunklen Wäldern wie in der Ueckermünder Heide und neuerdings auch in Feldgehölzen wie im Landgrabental, baut der größte europäische Adler mit bis zu sieben Kilogramm Gewicht und 2,50 Metern Flügelspannweite wieder seine Knüppelhorste Manche sind dann wie zwei Horste bei Loitz und Pasewalk so gewaltig, dass ein Mensch bequem darin schlafen könnte. Meist befinden sich ab Anfang März ein oder zwei Eier im Horst.
Noch vor 50 Jahren war der Seeadler dem Tod näher als dem Leben, in Vorpommern gab es kaum noch ein Dutzend intakte Horstpaare. Mit dem Verbot von giftigen Chemikalien wie DDT als Pflanzenschutzmittel und dem Erlass von Adlerschutzprogrammen erholte sich der Bestand auch im RandowBruch bei Löcknitz und der Uecker bei Torgelow zusehend.
Jetzt kommt es immer wieder zu interessanten Seeadlerbeobachtungen, Naturfreunde ertappten den majestätischen Jäger neulich als Luftpirat. Ganz plötzlich griff da ein Seeadler an der Zarow bei Meiersberg einen Graureiher an. Wahrscheinlich hatte der im Baumwipfel sitzende Wegelagerer den Reiher schon länger im Fadenkreuz. Dieser erbeutete im Seichtwasser gerade einen um die 20 Zentimeter großen Fisch. Plötzlich startete der Greif mit wuchtigen Flügelschägen. Zwar flog der Graureiher noch auf, doch der Adler packte ihn von hinten. Mit den kräftigen Fängen schüttelte er den Langbeiner ordentlich durch. Der so überrumpelte Reiher würgte seine silbern glänzende Beute aus dem Schlund wie eine Schachtel Zigaretten aus dem Automaten. Übrigens räubern Seeadler auch bei den jungen Kormoranen in der Brutkolonie im Naturschutzgebiet „Anklamer Stadtbruch“. Bei Ueckermünde sind meist die schwarzen Blessrallen Beutetiere, denn die oftmals unvorsichtigen Wasservögel werden auch leicht von Jungadlern geschlagen. Ein Seeadler kann gelegentlich bis zwei Kilogramm Nahrung kröpfen, doch sein täglicher Bedarf liegt zwischen 500 bis 700 Gramm Fleisch.
Zur Winterszeit entwickeln sie sich auch zu Aasfressern und hoffen auf überfahrene Rehe und Wildschweine. Dies wurde an der Eisenbahnlinie Berlin-Stralsund bei Greifswald einem Seeadler zum Verhängnis, denn er wurde durch die Lokomotive erfasst und getötet. Deutlich gestiegen ist auch die Verkehrsopferzahl an Adlern auf Autobahnen und Bundesstraßen, die in einigen Regionen 20 Prozent der Todesfälle darstellen.
Wurden noch vor 100 Jahren Seeadler in Deutschland wie Tontauben vom Himmel geschossen, haben sie heute durch das Bundesjagdgesetz eine ganzjährige Schonzeit. So können viele auch wieder ihr natürliches Höchstalter von bis zu 25 Jahren erreichen.