Operationen:

Das Rätsel der unverwüstlichen vorpommerschen Knie-Gelenke

Die Vorpommern arbeiten seit jeher hart in der Landwirtschaft und schinden dabei ihre Körper und Knochen. Aber warum liegt dann unser Landstrich bei Knie-Operationen bundesweit ganz hinten? Beraten uns etwa die Ärzte falsch? Oder machen uns einfach die Schmerzen weniger aus?

Bei uns im Altkreis Ostvorpommern liegen die Knie-OPs weit unter dem Bundesdurchschnitt.
Angelika Warmuth/dpa-Archiv Bei uns im Altkreis Ostvorpommern liegen die Knie-OPs weit unter dem Bundesdurchschnitt.

Der Vorpommer hat schon immer hart gearbeitet: auf den Feldern der LPG, bei der Entwässerung der Moore und in den VEBs. Kaputt gearbeitet hat er sich. Diagnose Arthrose: Ein Knie ist angeschwollen, jeder Gang schmerzt, es knirscht teilweise unheimlich und der Patient hinkt, um das Knie zu schonen. Dabei müsste das kaputte Knie ein künstliches Gelenk bekommen – doch der Vorpommer ist hart im Nehmen und lässt sich nicht operieren. Freiwillig oder weil die Ärzte ihn nicht richtig behandeln?

Eine aktuelle Studie der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und orthopädische Chirurgie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung beschäftigt sich damit. Deutschlandweit steigt die Zahl der Knie-OPs. Zwischen 2005 und 2011 gab es einen Zuwachs der Hüft- oder Knie-operationen um 18,3 Prozent von etwa 365 000 auf fast 432 000. Generell ist die Arthrosehäufigkeit im Osten sehr hoch, gerade in den weniger wohlhabenden Kreisen. Doch bei uns im Altkreis Ostvorpommern liegen die Knie-Operationen weit unter dem Bundesdurchschnitt. Jährlich werden 97 künstliche Kniegelenke pro 100 000 Einwohner eingesetzt. Durchschnitt in Deutschland: 130.

In den reicheren Kreisen Südwestdeutschlands gibt es viele OPs, während im ärmeren Nordosten wesentlich seltener operiert wird. Liegt es also am Geld? Kann nicht sein, denn die Operationen werden komplettvon den Krankenkassen bezahlt. Vielleicht ist die Behandlung hier noch konservativer und man versucht,die Beschwerden anders zu lösen?

"Vielleicht gehen sie viel später zum Hausarzt"

Chefarzt Carsten Breß, Spezialist für Knie-Operationen am Ameos-Klinkum Ueckermünde, führt pro Jahr um die 60 OPs an Knien durch und erklärt: „Erst wenn die Patienten durch die niedergelassenen Orthopäden durchdiagnostiziert sind, also alle verfügbaren Therapien angewandt wurden, kommen sie zu mir wegen einer OP.“ Man muss also schon einiges hinter sich haben, bevor es unters Messer geht: Physiotherapie, Medikamente, Spritzen und Hilfsmittel wie ein Gehstock. „Vielleicht gehen bei uns die Menschen auch viel später zum Hausarzt oder gar nicht“, so Carsten Breß.

Eine weitere Möglichkeit: „Wir vermuten, dass sich die Patienten in den wohlhabenden Kreisen anders informieren und pro-aktiv auf den Arzt zugehen“, sagt Thomas Neldner, Pressesprecher der Bertelsmann Stiftung. Hat der Vorpommer also keine Lust sich zu informieren oder den Arzt nach einer Operation zu fragen? Wahrscheinlicher ist eher, dass er geduldig die Schmerzen erträgt und brav jede andere Behandlungsmöglichkeit mitmacht und sich einfach ganz genau überlegt, ob denn eine Operation sein muss. Denn häufig ziehen die Knie-OPs Folgeoperationen nach sich, weil sich das Knie entzündet, die Prothese gelockert hat oder Knorpel geglättet werden muss. Das will man nun wirklich vermeiden. Clever ist er also, der Vorpommer!