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Der Frauenversteher ist halt doch nur Nummer zwei

Schlaftrunken erhebt sich Ricardo aus dem Nebel, taumelt an die Rampe und starrt in die Scheinwerfer. Sein Erwecker Erik ist derweil weiter gelaufen und ...

Was für ein Farbenrausch, was für wallende Kleider des Designerduos Anet Schmieder und Magdalena Stark aus Mecklenburg-Vorpommern.

Schlaftrunken erhebt sich Ricardo aus dem Nebel, taumelt an die Rampe und starrt in die Scheinwerfer. Sein Erwecker Erik ist derweil weiter gelaufen und beginnt im Rhythmus des melancholischen Balkanbeats zu tanzen. Plötzlich füllt sich der Laufsteg. Ein Rastaman mit Gitarre, ein Fiedler und ein Hang-Spieler gesellen sich zu den Müßiggängern.

Nein, das ist keine Filmszene. Das ist eine Moden-Schau, im wahrsten Wortsinne. Denn wer Menschen für Mode begeistern möchte, muss auf dem Catwalk Geschichten erzählen – mit Musik, mit vielen Farbeffekten, mit Überraschungsmomenten. Das alles besitzt die Kollektion der russischen Designerin Tanja Schmidt und des deutsch-polnischen Modeschöpfers Philip Rudzinski.

Das Duo zeigt nur Jeans, aber in allen Variationen. Der Anzug wirkt wie aus Backsteinen zusammengebaut. Die Jacke lässt sich wie eine Ziehharmonika auffächern. Sogar einen Frack mit Schwalbenschwanz präsentieren die Beiden. Jedes einzelne Teil der ersten großen Kollektion durchläuft ein ganz eigenes Waschungsverfahren, so dass nur Unikate entstehen.

Das Motto von Schmidt und Rudzinski lautet: „Alles geht in die Hose!“ Doch eben gerade das passiert beim Baltic Fashion Award in Heringsdorf nicht. Sie heimsen den ersten Preis (10 000 Euro) ein. Die internationale Fachjury – unter anderem bestehend aus der ehemaligen Chefdesignerin von H&M, Margareta van den Bosch, der Leiterin der Königlich Dänischen Kunstakademie, Ann Merete Ohrt, und der Designprofessorin Martina Glomb, die schon Kollektionen bei Vivienne Westwood entwarf – überschlägt sich geradezu vor lauter Lob. Die Experten halten die Mode für beinahe so ausgefeilt, dass sie auf den Markt gehöre. „Die Mode ist für viele und für jedes Alter geeignet“, meint die Jury-Vorsitzende Gudrun Allstädt. In der Tat kein unwichtiger Aspekt. Schließlich müssen die Designer in spe irgendwann einmal von ihren Entwürfen leben können.
In den Augen der Zuschauer trifft jedoch ein anderer den Nerv der Masse: Konstantin Laschkow. Seine Röcke faszinieren jede Frau. Mit klaren Schnitten bietet er Mode, die alltagstauglich ist. Nichtsdestotrotz besitzen seine Entwürfe eine unglaubliche Raffinesse. Durch gekonnte Schnitte und Materialien wie Satin, Samt und Seide schwingen die Röcke beim Gehen wunderschön. Durch Schrägen und asymmetrische Linien ist jedes Kleidungsstück ein Hingucker.

„Der Mann liebt Frauen. Er verkleidet sie nicht, sondern zeigt mit seinen betont weiblichen Kreationen ihre unterschiedlichen Facetten“, schwärmt Beate-Carola Johannsen, Chefin des Tourismusverbands Insel Usedom.Am Abend hört man im Publikum auch schon den Spitznamen „Frauenversteher“. Vermutlich will Laschkow das gerne sein, weil er damit neben dem Publikumspreis auch noch den zweiten Platz (7500 Euro) in der Hauptwertung belegt.

Louise Friedlaender aus Berlin erhält den mit 5000 Euro dotierten dritten Preis. Sie ließ sich für ihre „Kollektion: 01“ von einem französischen Möbeldesigner und von indianischer Handwerkskunst inspirieren, was ihre Mode sehr skulptural, aber zugleich detailversessen macht. Ihre Models tragen Taschen so groß wie Surfbretter durch die Gegend. Einerseits also auffallen um jeden Preis. Andererseits dominiert Sachlichkeit, Ordnung und Schüchternheit, weshalb die braven Damen auf dem Catwalk weiße Kopfhauben aufhaben.

Aus mehr als 100 Bewerbungen wählte die Fachjury die zehn Kollektionen für den Baltic Fashion Award aus. „Allein hier nominiert worden zu sein, ist schon was Besonderes“, sagt Jungdesignerin Magdalena Stark, die bis zu ihrem achten Lebensjahr auf der Insel Usedom lebte und für die die Show darum ein zusätzliches Highlight darstellt.
Also von wegen „Alles geht in die Hose“!