Hans-Eckardt Wenzel:

Ein Seebär in Ostvorpommern

Still. Das Land ist still. Und flach wie eine Flunder. Durch die Baumreihen lugt Schilf, dahinter nur noch Sträucher, Gras und Wasser. Hier franst das Land aus zum Meer, lebt amphibisch im Dazwischen, wird zum Haff.

Hier lebt Wenzel. Hans-Eckardt Wenzel, 54, ist Sänger. Poet. Komponist. Clown. Musikproduzent. Lebensliedermacher. "Früher floh ich in diese Landschaft wie ein Pilger. Heute weiß ich, es gibt kein Fliehen, nirgendswohin", schrieb er 1989 in seinen "Reisebildern". Er lebt seit 1976 im östlichen Vorpommern. Heute sagt er: "Es ist keine Flucht mehr. Früher war diese Landschaft wichtig, um dem sehr exzessiven Bohemienleben in Berlin zu entfliehen. Inzwischen habe ich die Landschaft als andere Möglichkeit zum Leben entdeckt. Sie ist ein überaus wichtiger Sozialausgleich. Hier habe ich Leute gefunden, die nicht aus meinem intellektuellen Ghetto waren...

"Nicht erst wenn er das Schifferklavier umschnallt, ist Wenzel ein Seebär. Oder ein Matrose der Flotte vom nächsten schwarzen Meer. Der Mann mit den langen Haaren wirkt wie ein Hüne und hat ein sanftes Gemüt. Raue Schale, aber nicht wirklich. Weicher Kern, aber nicht sentimental. Sehr sensibel im Beobachten, was der Mensch dem Menschen ist: Liebender oder Wolf. Manchmal beides. Seine Stimme ist rau und rauchig. Er passt hier gut her. In Kamp, am Hafen, gegenüber den immer noch beeindruckenden Resten der Karniner Eisenbahnhubbrücke, gibt Wenzel jeden Sommer in einer der kürzesten Nächte des Jahres ein Konzert, das längst legendär geworden ist.

In diesem Jahr ist es der neunte Tanz in den Sommer am 26. Juni, zu dem er und seine Band aufspielen. Manche Lieder sind extra für dieses Konzert entstanden. 2008 servierte er auf der Platte "König von Honolulu" mit Schnulzen, Shantys und schrägen Schlagern eine Kostprobe seiner Trivialkunst. Liebesbedürftig und kitschig und durchgeknallt und verträumt und zugleich von kräftigen Gitarrenriffs angetrieben, entfesseln die Musiker dabei eine Lebensfreude, wie sie ihresgleichen im deutsch-singenden Raum sucht. Wenzel weiß, wozu das gut ist: "Es ist ein dadaistisches Konzept, bloß mitdem abstrakten Begriff'Schlager' bezeichnet. In überintellektuellen Zeiten sollte man sich besinnen auf die Trivialität von Operette, Revue und Schlager."Schlager. In Kamp ereignet sich alle Jahre wieder so etwas wie das Sommerwunder von Ostvorpommern.

Friedlich und angemessen ungesund begehen Fischer, Vermieter, Gastronomen und mehrere hundert Gäste den Höhepunkt des Jahres. Das nicht gewinnorientierte Unternehmen ist etwas, was es eigentlich nicht mehr gibt. Es hat die Strahlkraft einer kulturellen Utopie. Und das ausgerechnet in einer Gegend, die sonst nur mit traurigen Rekorden von sich reden macht: Arbeitslosigkeit, neue Nazis, Fortzugszahlen. "Es ist eine gesunde Mischung von Leuten", sagt Wenzel. Er ist Ehrenmitglied im Hafenverein Kamp, der mit "Sonne, Wind & Mehr" einen Hauch weiter Ferne an Land holt. Im Alltag existiert hier trotz relativen Wohlstands sehr wohl eine soziale Not. "Das wird von den großen Parteien aber übersehen und ignoriert und ist so ein Nährboden für Demagogen.

Die jungen Rechten handeln unter dem Motto: 'Lieber ein Gefürchteter als ein Bedauerter.' So funktioniert ihre psychologische Schutzhandlung. Dabei sind es arme Würstchen, die die Familie ins Bett schickt, wenn sie besoffen Unsinn quatschen."Wenzel kennt seine Nachbarn. Er fühlt sich hier aufgehoben. Seine junge Tochter Mascha geht mit dem Hund von nebenan durch die Wiesen. Wenzel schätzt es, aus der Ruhe arbeiten zu können. "Ich mag die Gelassenheit der Landschaft, bin ihr dankbar. Deshalb spiele ich hier", bemerkt er. Die Texte seiner Lieder hat er sämtlich hier geschrieben und mit der Band geprobt. "Nur Pflichtarbeiten wie die Steuererklärung mach ich in Berlin. Alles andere hier. Unterwegs notiere ich nur. Skizzen und Noten.

Hier fällt es mir wieder ein, und ich schreibe es zu Ende. Der erste Einfall ist Gottesgabe, der Rest Arbeit. Das ist ein Ort, der mich anregt. Hier denke ich andere Dinge", sagt er bei der nächsten Zigarette. Jeden Morgen joggt er Richtung Kamp und treibt seine Sozialstudien am Radweg. "Die sehen hier alle so elend aus", hörte er jüngst von einem schwäbelnd radelnden Ehepaar in teuren Sportklamotten. Die meinten ihn. Gibt es ein Land der "Irren und Idioten", wie Wenzel es besingt? "Da leben wir mittendrin", sagt er zu seiner heimlichen deutschen Nationalhymne. Wie gut, dass hier bald Polen anfängt...

Kamp ist längst ein Ort, den Wenzel angemessen besungen hat. Das "Kamper Trinklied" spielt hier, und vor allem die "Nächtliche Überfahrt". Beeindruckende poetische Bilder, die wie schwerelos aus der Landschaft wachsen. "Das Wasser plappert leis' von seinem Glück", heißt eine der schönsten Zeilen. Wie auf einem Gemälde festgehalten, dass sie nicht untergehen in der rasenden Flut der Zeit. Wenzels Zuflucht ist sein Haus. Es duckt sich im Schatten einer alten Kastanie, die Fenster stehen offen. Studio, Probenraum, Büro, Bar, Küche und Wohnung gehen ineinander über. Einen Fernseher braucht hier keiner, es gibt Kino beim Aus-dem-Fenster-Gucken. Grüne Wiesen, kilometerweit. Stilles Land, hoffnungsstarrend.

"Wenn ich etwas aufgenommen habe, kann ich mir das nachts um vier anhören. Ich mache das Fester auf, gehe auf die Wiese, rauche und höre, was entstanden ist", beschreibt der Poet den Vorzug des Landlebens. Er gerate hier leicht in einen Arbeitsrausch, verrät Wenzel: "Hier brauchst du eine Woche, in Berlin einen Monat."Warum aber das platte Land, warum die letzte Ecke östliches Ostvorpommern? Bei aller Affinität zur nahen See und zur norddeutschen Tiefebene bleibt das bei Wenzel ein Rätsel. "Eigentlich müsste mich die Herkunft meiner Eltern ins Gebirge ziehen, ins Riesengebirge. Meine Wurzeln liegen in Wittenberg und in Böhmen, in kleinen Dörfern. Das will ich den Kindern irgendwann mal zeigen," sagt der Barde. Und dann fällt der Groschen.

Schon andere Söhne dieser Landschaft träumten von Bergen, die sie nie sahen, verpflanzten auf ihren Bildern Eichen ins Gebirge, die vor ihrer Haustür wuchsen. "Die norddeutsche Landschaft wurde erst mit der Romantik entdeckt. Caspar David Friedrich war einer der ersten modernen Maler, entwarf surreale Szenerien", erinnert Wenzel, der studierte Kulturwissenschaftler.Er selbst ist 1973 des Malers Wandertouren nachgelaufen und hat einen Gedichtzyklus geschrieben, "um dem eigenen Provinzialismus zu entgehen". Vor einem Dorfkonsum bei Grevesmühlen wurde er verhaftet. Verdacht auf Republikflucht. Da war es nicht hilfreich, auf der Karte Caspar David Friedrichs Etappe nach Lübeck eingezeichnet zu haben.Überhaupt gibt es im Werk Wenzels viele "Reisebilder". So heißt sein letztes Buch, das im Wendejahr 1989 erschien.

"Es waren innere Reisen, ich erfuhr die Begrenztheit der DDR auch als Gewinn. Das ist absurd, aber wahr. Die großen Städte der Welt hatte ich nie gesehen und trotzdem einen Text über Paris geschrieben..." Inzwischen hat Wenzel die Welt gesehen und holt sie zu sich nach Hause. Er hat große Lust auf mehrsprachige Arbeiten, erfindet sich dabei neu, übersetzt, dichtet nach. Englisch. Spanisch. Als Autor, der überaus genau auf Formen achtet, ist das ein hartes Handwerk, bei dem alles stimmen muss: "Ich bin streng in formalen Dingen wie Versen, Formen, Reimen. Es gibt Melodien der Sprachen, auf die ich höre. Dabei geht es auch darum, den Sinn unserer Sprache kenntlich zu machen und in der Fessel derMusik das Deutsche zu finden."Eine Kostprobe dieser Zweisprachigkeit erprobte er mit Arlo Guthrie, den er in Nashville kennengelernt hat.

Der Sohn der US-Folklegende Woody Guthrie hat ewig nicht in Deutschland gespielt. Mit Wenzel ging er 2006 auf Tour, sie gaben zehn Konzerte, das schönste live auf der Wartburg. Es wurde aufgezeichnet und erscheint als "Every 100 years" Anfang Juli auf CD, vorab gibt es die Scheibe exklusiv beim Konzert in Kamp schon zu kaufen. Aus der an Uwe Johnsons New-York-Beschreibungen gemahnende Ballade "90 Mile Wind" von Woody Guthrie wird bei Wenzel und Arlo ein Duett, das getrennt und doch zusammen von der Gefährdung der Welt erzählt. Die "Nächtliche Überfahrt" ist auch auf der Scheibevertreten, verfeinert mit den Pedal-Steel-Klängen von Arlo GuthriesGitarristen Gordon Titcomb. Kamp und die Welt."Es ist hier wie Afrika", sagte Arlo Guthrie, als er mit Wenzel in Bugewitz war. Der Mann hat recht. Und wenn es richtig Sommer wird, kann das die Landschaft auchbeweisen.

Viele musikalische Projekte

Wenzel, geboren 1955 in Kropstädt bei Wittenberg, studierte Kulturwissenschaften und Ästhetik an der Humboldt- Universität zu Berlin. Seitdem lebt er als freischaffender Künstler; zu Anfang in der Liedtheatergruppe "Karls Enkel", von 1978 bis 1999 gemeinsam mit Steffen Mensching alsKabarett-Clowns-Duo Wenzel& Mensching. 1982 erschien der erste Gedichtband "Lied vom wilden Mohn". 1987 folgte "Antrag auf Verlängerung des Monats August". Die erste Schallplatte "Stirb mit mir ein Stück" erschien 1986. Dafür erhielt Wenzel die "Goldene Amiga". In dieser Zeit entstanden diverse Bühnenproduktionen und parallel dazu viele unterschied-liche musikalische Projekte. Wenzel erhielt zahlreiche Schallplattenpreise, 1995 den Deutschen Kabarettpreis und 2002 den Deutschen Kleinkunstpreis.

2003 lud Nora Guthrie Wenzel ins Woody Guthrie Archiv nach New York ein. Ihr Wunsch war es, dass Wenzel Texte ihres Vaters ins Deutsche übersetzt und unveröffentlichte Texte neu vertont. Aus dieser Arbeit ging diesowohl in deutscher als auch in englischer Sprache 2003 erschienene CD "Ticky Tock - Wenzel singt Woody Guthrie" hervor. Sie bescherten ihm den Deutschen Folkpreis. Es folgten Tourneen in den USA. In Nashville trifft er zum ersten Mal auf Arlo Guthrie. Daraus entwickelte sich der Plan, eine gemeinsame Tournee zu veranstalten.

Die CD "Every 100 years - Arlo Guthrie & Wenzel Live auf der Wartburg" erscheint am 2. Juli. KAMP 2010 - das Open Air ist am 26. Juni. Karten und Infos unter @!www.wenzel-im-netz.de"Das Wasser plappertleis' vonseinemGlück."