:

"Mir tut das Ganze wirklich leid"

Dr. Dieter Radloff-Abeler motzte mal so richtig seinen Frust weg. Er wehrte sich mit deutlichen Worten gegen die geplanten Schließungen in der Region. Jetzt ist der Mann seinen Job los. Zeit, mal in Ruhe über alles zu reden.

Dr. Dieter Radloff-Abeler entschuldigt sich bei allen Anklamern. Mit seinem Wutbrief wollte er nur das Sozialministerium in Schwerin aufwecken, sagt er.
Carsten Schönebeck Dr. Dieter Radloff-Abeler entschuldigt sich bei allen Anklamern. Mit seinem Wutbrief wollte er nur das Sozialministerium in Schwerin aufwecken, sagt er.

Herr Radloff-Abeler, Ihr offener Brief an die Landesregierung hat für viel Wirbel gesorgt. Respekt, dass Sie sich dem Gespräch stellen und dafür extra nach Anklam gekommen sind. Gegen die Stadt und ihr Krankenhaus haben Sie ja ganz schön vom Leder gezogen...

Mir tut das Ganze inzwischen wirklich leid und ich ärgere mich über mich selber. Ich wollte keinen Anklamer beleidigen. Mir ist das alles so aus der Feder geflossen. Ich wollte die Verantwortlichen mit deutlichen Worten wachrütteln, dass das natürlich auch in Anklam gelesen wird, daran habe ich in dem Moment gar nicht gedacht.

Sie haben gefordert, dass die Gynäkologie und die Kindermedizin in Wolgast erhalten bleiben. Haben Sie denn eine Antwort darauf aus dem Ministerium bekommen?

Nein und ich erwarte das inzwischen auch nicht mehr. Morgen ist ja eine Demonstration vor dem Ministerium. Ich fahre dort auch hin. Und dann muss man den Lauf der Dinge eben abwarten.

Sehen Sie denn eine Möglichkeit, die Standorte Wolgast und Anklam zu erhalten?

Nein, ich glaube nicht, dass das geht. Dafür reichen die Fallzahlen dann tatsächlich nicht aus. Wenn, dann kann nur einer der Standorte bleiben. In Anklam geht das vielleicht ein halbes Jahr gut. Dafür wird man auch kaum einen erfahrenen Chefarzt finden, der so eine Mission übernimmt. Vielleicht sucht man dann einen jungen Arzt, der mit einem dicken Gehalt geködert wird und dann in einigen Monaten wieder geht. Wolgast hat die bessere Ausgangslage mit guten Mitarbeitern und einer guten Ausstattung der Abteilungen. Dort gibt es ein funktionierendes Team. Das ist in Anklam allein schon durch die vielen Schließungen und Unwägbarkeiten torpediert worden.

Was genau fehlt denn in Anklam?

Wenn Sie die Kinderstation nehmen: Die Uni will diese nun an die Ameos-Gruppe geben. Aber Ameos hat wenig Expertise in der Kindermedizin und hat da eigentlich auch keine Ambitionen. Derzeit heißt es, man sei in Gesprächen mit vier Ärzten. Aber die müssten jetzt doch längst den Kittel anhaben, wenn die Kinderklinik tatsächlich Anfang des Jahres wieder öffnen soll. Und dann sind das aus meiner Sicht auch die falschen Leute. Die Aufgabe einer Kinderklinik ist es doch eher, zum Beispiel die banalen Dinge zu behandeln. Diabetische Störungen, Anpassungsschwierigkeiten. Da helfen keine Kinderärzte, die ihre Schwerpunkte in der Chirurgie oder der Psychiatrie haben.

Ihnen könnte es doch eigentlich ziemlich egal sein, was in Wolgast geschieht. Eigentlich sind Sie längst Rentner und haben dort nur für ein paar Monate ausgeholfen...

Das war ja auch wirklich nur als Übergang gedacht, weil man meinen Vorgänger unter fadenscheinigen Gründen rausgeworfen hat. Da hatte man in der Universitätsmedizin längst beschlossen, dass die Frauenklinik in Wolgast zum Jahresende schließen soll. Aber man hatte nun plötzlich keinen Chefarzt mehr. Da ist man hektisch geworden und hat über Agenturen nach einem Ersatz gesucht. So bin ich ins Spiel gekommen.

Das heißt, Sie wussten von Anfang an, dass die
Frauenklinik in Wolgast schließen soll?

Ja, das stimmt. Meine Aufgabe war es, bis zur Schließung zu überbrücken und ansonsten den Mund zu halten. Nur habe ich dann die Seiten gewechselt. Ich fand es wunderschön in Wolgast. Die Klinik ist schön, die Mitarbeiter sind wunderbar, ich habe mich da richtig ein bisschen verknallt. Es gab dann ja auch Signale, dass es doch weiter gehen könnte. Unter anderem von dem externen Berater, den die Universitätsmedizin im Sommer hinzugezogen hat.

Offiziell hat die Krankenhausleitung immer dementiert, dass Schließungen schon beschlossene Sache seien...

Es gibt zwei Ebenen der Debatte. Eine – ich sage es mal so – auf dem Tisch. Da geht es um den gesellschaftlichen und politischen Diskurs und um die beste Lösung für die Region. Und unterm Tisch arbeiten Akteure wie der Chef der Universitätsmedizin Thorsten Wygold und die Ameos-Gruppe, die das Krankenhaus in Anklam betreibt. Und die spielen mit gezinkten Karten. Die sind sich längst einig und lachen sich tot über das, was da auf dem Tisch noch läuft.

Öffentlich wurde ja immer behauptet, dass die Fallzahlen nicht ausreichen, um die Frauen- und die Kinderklinik in Wolgast wirtschaftlich zu betreiben. Gleiches galt angeblich für den Standort Anklam. Wie sehen Sie das?

Wir hatten ein Konzept, wie genau das funktionieren könnte. Eine Frauenklinik muss ja rund um die Uhr einsatzbereit sein. Da brauchen Sie also eine entsprechende Zahl an Krankenschwestern, Hebammen und Ärzten. Das ist irrsinnig teuer, insbesondere wenn man dazu selbstständige Honorarärzte hinzuziehen muss, um Lücken zu füllen. Aber das bräuchten wir künftig gar nicht. Ich habe noch einen Kollegen, der kommen würde. Ich würde auch gerne weiter hier arbeiten. Ich liebe es so, ich wäre bereit, auf ein Viertel meines Gehalts zu verzichten, wenn es weitergeht. Auf der Kostenseite könnte man also schon etwas machen.

Bleiben Sie denn dabei, dass auch dann, wenn Wolgast geschlossen wird, die neu aufgestellte Frauenklinik und Kindermedizin in Anklam keine Chance haben?

Ja, leider ist das so. Man wird Anklam schließen, und zwar schnell. Das, was da jetzt läuft, ist nur Augenwischerei. Aus dem bisherigen Einzugsgebiet der Wolgaster Frauenklinik wird doch kaum jemand nach Anklam fahren. Der überwiegende Teil geht dann nach Greifswald. Durch das ganze Hickhack, das die Universitätsmedizin hier in Anklam mit der Kinderstation betrieben hat, ist der Ruf des Krankenhauses natürlich auch beschädigt. In wenigen Monaten wird man dann darüber sprechen, dass sich die Stationen in Anklam immer noch nicht rechnen. Und dann kommt die nächste Schließung.

Sie sehen im Chef der Universitätsmedizin, der gleichzeitig Geschäftsführer des Wolgaster Krankenhauses ist, einen der Schuldigen für das ganze Dilemma...

Eigentlich ist es ja so, dass Chefärzte sich um die Medizin kümmern sollen. Aber die Welt der Krankenhäuser ist inzwischen so kompliziert geworden, dass man die Leute braucht, die sich mit der Verwaltung und der wirtschaftlichen Seite auskennen. Und Thorsten Wygold ist als Chef der Universitätsmedizin ein gutes Beispiel dafür. Das sind Menschen, die als Ärzte in ihrem Fachbereich nicht weit kommen, die aber Ahnung von der wirtschaftlichen Seite haben. So ist er nach oben gekommen und hat Macht über Menschen bekommen. Vielleicht gibt es da auch so ein narzisstisches Verletzungsgefühl, weil er selber medizinisch keine große Leuchte ist und das an den anderen Medizinern auslässt. Und mit einem so großen Haus ist er völlig überfordert. Er kommt ja aus einem ganz kleinen Laden. Das Unternehmen, für das er vorher gearbeitet hat, das ist unter den privaten Trägern der allerschlimmste.

Wie äußert sich das im Klinik-Alltag?

Der Mann regiert nach Gutsherrenart. Wygold nimmt eine bedrohliche Haltung ein. Da werden unliebsame Mitarbeiter regelmäßig unter Druck gesetzt. Ich bin glücklicherweise unabhängig und nicht auf die Stelle angewiesen. Aber mir tun die Mitarbeiter schon leid. Mein Vorgänger hat die Abteilung zwölf Jahre lang geführt. Und als er eine andere Meinung als Herr Wygold vertrat, wurde er systematisch zerstört. Wygold ist ein Machtmensch. Der Mann genießt es, Macht über Menschen zu haben. Und solchen Leuten sollte man keine Macht über
Menschen geben.

Vergangene Woche hat die Klinik-Leitung Sie freigestellt. Offiziell wegen des offenen Briefes und der Schelte gegen den Standort Anklam. Kam das für Sie überraschend?

Nein. Ich habe seit einiger Zeit damit gerechnet, dass so etwas passieren kann und war entsprechend vorbereitet. Ich habe drei Minuten gebraucht, um mein Büro zu räumen und alles Wichtige noch zu regeln, bevor ich dann den Schlüssel abgegeben habe.

Wären Sie denn trotz allen Ärgers noch bereit, in Wolgast weiter zu arbeiten?

Na klar, wenn der Plan doch noch geändert wird und die Frauenklinik erhalten bleibt. Ärzte, Schwestern, Hebammen, wir stehen in den Startlöchern. Ich bin jederzeit bereit, unseren Plan noch umzusetzen. Ich suche mir auch nichts anderes, bis diese Sache entschieden ist. Ich mache gerne weiter, nur nicht unter Herrn Wygold. Aber sollte das Ministerium tatsächlich die Entscheidung noch mal kippen und entscheiden, dass die Frauenheilkunde und die Kindermedizin in Wolgast bleiben, wäre der Mann wohl ohnehin nicht mehr für Wolgast zuständig.