Besuch in Anklam:

Nach mehr als 25 Jahren: Gregor Gysi entschuldigt sich bei den Anklamern!

Die Menschen standen Schlange: Signierstunde mit Gregor Gysi im Anklamer Theater. Für ihn war es eine kleine Rückkehr in seine jungen Jahre. Und gleich am Anfang musste er sich entschuldigen – für sein Verhalten weit vor der Wende!

Gregor Gysi im Gespräch mit Jürgen Rummel: Keine typische Lesung, aber ein unterhaltsamer Abend für Anklam.
Ann-Kristin Hanell Gregor Gysi im Gespräch mit Jürgen Rummel: Keine typische Lesung, aber ein unterhaltsamer Abend für Anklam.

Die Anklamer haben sich nicht immer über Gregor Gysi gefreut. Früher, vor der Wende, so sagte er das am Sonnabend im Anklamer Theater, da gab es bei Premieren eine ziemlich kuriose Verteilung: 50 Prozent der Gäste kamen in Jeans. Das waren Gysi und seine lauten Freunde aus Berlin. Die andere Hälfte der Gäste, also die Einheimischen, kamen in feineren Stoffen. Gysis Schwester gehörte damals zur Truppe rund um Theatermacher Frank Castorf, der aus Berlin ins etwas weniger rebellische Anklam verdonnert worden war.

Öfters blieb die Partybrigade auch über Nacht an der Peene, ob man dabei dann nur dem Alkohol zusprach oder auch der einheimischen Damenwelt, das ist Gysi nicht mehr zu entlocken – oder er weiß es wirklich nicht mehr. Fakt ist: So richtig nett war das für die Anklamer nicht, und deshalb entschuldigt er sich jetzt, mehr als 25 Jahre später, artig für die verdorbenen Premieren.

Er ist noch keine Minute auf der Bühne, da lacht das volle Haus. Dabei hat er nur das erzählt, was auch schon bei uns im Nordkurier stand: Dass Anklam schön, handlich und übersichtlich ist, und zwei dieser Dinge ja auch auf ihn zutreffen. Welche, das wollte er nicht verraten.

Und dann ging es im Gysi-Galopp kreuz und quer durch alle wichtigen Politikfelder. Bei Gysi allerdings ist alles etwas einfacher als bei anderen Politikern. Sogar der Weltfrieden scheint greifbar nahe, wenn er mit funkelnden Augen davon erzählt, wie viel Mist der amerikanische Geheimdienst CIA so baut. Die Renten sind mit ihm sicherer, als sie es jemals bei Norbert Blüm waren, die Mieten niedriger, die Schulen besser, ja selbst das Schulessen. Dem Nordkurier sagt er später im Kurzinterview sogar, dass eines fernen Tages Bayern auf Geld aus Vorpommern angewiesen sein könnte.

Was nicht so gut klappt wie die große Politik: Sein Privatleben. Auch das lässt er anklingen, und das hört sich richtig traurig an. Weihnachten nicht Zuhause, Silvester nicht Zuhause, dabei hatte er einmal eine richtige Familie. Jetzt, mit 66 Jahren, da fängt kein neues Leben, sondern die Einsamkeit erst so richtig an.

90 will er werden. Mindestens. Warum? Um Alterspräsident im Bundestag zu sein, denn das bedeutet: Keine Redezeitbegrenzung. Sagen, wie es richtig geht und vielleicht, dass er es immer schon gewusst hat. So wie jetzt mit dem Mindestlohn. Den hat er schon vor 20 Jahren gefordert, sagt er. Damals hielten ihn alle für verrückt, jetzt will sogar Kanzlerin Angela Merkel den Mindestlohn.

Gysi tut viel dafür, damit man ihm glaubt. Er mischt große Visionen mit konkreten Episoden, und hier in Vorpommern erzählt er Dinge, die einerseits stimmen und die die Menschen andererseits gerne hören: Einfache Wahrheiten. Wer würde ernsthaft widersprechen, wenn er sagt, dass in der DDR-Landwirtschaft richtig hart gearbeitet wurde – anders als in manchen VEBs. Kühe kann man nicht NICHT melken. Felder kann man nicht NICHT bestellen. Ernte kann man nicht NICHT einbringen. Einfache Mantras aus Gysis Wahrheiten-Schatz, sie wirken nicht einstudiert, sie kommen gut an.

Auch bei den unpolitischen Menschen im Publikum, die einfach nur den Promi hören wollten und denen die 17 Euro Eintritt dafür nicht zu teuer waren. Einer erzählt in der Pause, dass er aus reiner Neugier so auch mal bei einer Veranstaltung mit Christian Wulff gelandet ist. Ein arroganter Kerl sei das gewesen. Aber der Gysi, der sei ganz anders. Vielleicht. Denn auch er ahnt: Wer nicht wirklich regieren muss, kann viel erzählen.

Eines kann Gysi jedenfalls unbenommen: Theater füllen. Am Ende des Abends fühlten sich die Besucher gut unterhalten, und fast alle gingen mit einem 13 Euro teuren, handsignierten Buch nach Hause.

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