Neues vom Mut-Prof:

Unser Vorpommern ist heiß begehrt

Vorpommern schrumpft? Das sagen zwar alle, aber ganz so einfach ist es nicht, sagt der Greifswalder Geografie- und unser heimlicher Mut-Professor Helmut Klüter. Für uns hat er jetzt konkrete Zahlen rausgesucht, die das auch für den Kreis Vorpommern-Greifswald belegen sollen.

Geografie-Professor Helmut Klüter sagt: Es werden bald mehr Leute nach Vorpommern einwandern als auswandern.
Archiv Geografie-Professor Helmut Klüter sagt: Es werden bald mehr Leute nach Vorpommern einwandern als auswandern.

Die erste Zahl, die Professor Klüter nennt, ist 711. So viele Menschen sind im ersten halben Jahr 2013 mehr nach Mecklenburg-Vorpommern gezogen, als von hier fortgegangen sind. „Wanderung“ nennt das der Fachmann – und diese Wanderung fällt für das Land wesentlich günstiger aus, als selbst die Landesregierung in Schwerin gedacht hat: „Die so genannten Wanderungsverluste, also mehr Fort- als Zuzüge, sind seit 2009 kontinuierlich gesunken und haben jetzt ganz aufgehört, obwohl das Land mit dem Gegenteil gerechnet hat“, sagt Professor Helmut Klüter, der schon länger darauf hinweist, dass die Lage hierzulande gar nicht so düster ist, wie viele behaupten. „Im Gegenteil: Die Prognosen müssen dringend erneuert werden. Sie treffen seit Jahren überhaupt nicht mehr zu.“

Und gilt das, was aufs ganze Land zutrifft, auch für den Kreis Vorpommern-Greifswald? Dort gibt es zwar aktuell noch mehr Fortzüge als Zuzüge, aber auch bei uns dreht sich der Wind, meint Professor Klüter. „Denn ein genauer Blick in die Gemeinden des Landkreises zeigt, dass es nicht überall bloß Rückgang gibt.“ So liegen seit einigen Wochen neue Zahlen für die 144 Gemeinden des Landkreises vor. Daraus geht hervor, dass jede dritte Gemeinde im Kreis nicht schrumpft, sondern wächst: 46 Gemeinden hatten 2012 mehr Einwohner als 2011.

Und überraschenderweise sind die Wachstums-Bereiche nicht die großen Städte, sondern verteilen sich beinahe über den ganzen Landkreis. Zwar ist der Bereich um Spitzenreiter Löcknitz, dessen Einwohnerzahl 2012 um 49 stieg, der klare Vorreiter im Kreis: In fast allen Gemeinden an der Grenze wuchsen die Bevölkerungszahlen, dort wohl vor allem wegen Zuzüglern aus Polen. Doch auch andernorts, etwa in Rubkow bei Anklam oder selbst in Alt Tellin wächst die Bevölkerung. Und das, obwohl weiterhin mehr Menschen sterben als geboren werden: „Daran hat sich nichts geändert und wird sich auch so schnell nichts ändern“, sagt Klüter: „Aber parallel dazu gibt es einen Trend, dass Menschen aus anderen Landesteilen in unsere Region ziehen.“

So sinkt die Bevölkerung zwar weiterhin – aber trotzdem wird Vorpommern-Greifswald mehr und mehr zum „Einwanderungsland“. Rechnet man nur die Zuzüge gegen die Fortzüge auf, ignoriert also die negativen Geburtenraten, werden aus den 46 Wachstums-Gemeinden schon 61 Kommunen im Plus. Darunter auch Städte wie Pasewalk (45 Zuzüge mehr als Fortzüge) oder Orte wie Neu Kosenow (bei Anklam), die bislang nicht gerade für Wachstum bekannt waren.

Doch was sind das für Menschen, die zu uns nach Vorpommern kommen? Genaue Analysen gibt es darüber nicht, sagt Klüter: „Aber ich gehe davon aus, dass es relativ breit gefächert ist.“ Frühere Urlauber, die sich jetzt hier zur Ruhe setzen wollen, dürften einen großen Anteil haben, vermutet der Forscher. Doch auch junge Familien wähnt er unter den Zuwanderern.

„Wichtig ist in erster Linie, dass die Landespolitik jetzt einsieht, dass es völlig falsch ist, Vorpommern als Land in Auflösung zu begreifen“, sagt Klüter: „In Greifswald muss bald eine Schule neu gebaut werden, obwohl vor Kurzem noch wie wild Schulen geschlossen wurden.“ Was für die Schulen gelte, gelte auch für den Abbau der öffentlichen Strukturen: „Die Strukturpolitik des Landes macht Dinge kaputt, anstatt sie aufzubauen.“ Dabei würden sich Investitionen lohnen, sagt der Forscher: „Dann kämen vermutlich noch mehr Menschen.“