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Vom Klassenzimmer ins Cockpit

VonAnja RauNach dem Abitur ab ins Flugzeug und Abheben:Das ist Hannes Radickes Wunschvorstellung. In den Urlaub will er allerdings nicht, sondern als Pilot ...

Neben Hannes Radicke stapeln sich Bücher und Unterlagen: Bald möchte er Schreibtisch gegen Cockpit tauschen. Vorher wartet noch die schwere Aufnahmeprüfung auf den Segelflieger.[KT_CREDIT] FOTO: Anja Rau

VonAnja Rau

Nach dem Abitur ab ins Flugzeug und Abheben:
Das ist Hannes Radickes Wunschvorstellung. In den Urlaub will er allerdings nicht, sondern als Pilot die schönsten Ecken der Welt ansteuern.

Anklam.„Beeinflussung von Lebewesen durch Faktoren“ war das sperrige Thema seiner Abiturprüfung in Biologie. 16 Seiten hat er mit seiner kleinen Handschrift aufs Papier gebracht. „Man muss halt ellenlang schreiben, aber ich hatte ja auch fünf Stunden Zeit“, so Hannes. Insgesamt sei er zufrieden mit der Prüfung.
Und das, obwohl dieser sehr wissenschaftliche und komplexe Stoff mit seinem Berufswunsch nicht allzu viel zu tun hat. Denn der 18-Jährige quält sich durch die Abschlussprüfungen, um schon bald die Welt von oben zu betrachten. „Das war immer mein Traum. Seit 2008 bin ich im Anklamer Segelflugverein, vor drei Jahren habe ich meinen Flugschein gemacht“, sagt der langhaarige, junge Mann.
Sein Hobby, das er zum Beruf machen will, war auch der Grund, warum er am vergangenen Wochenende vom Lernen ein wenig Abstand nahm. „Es konnten endlich die ersten Starts gemacht werden. Da musste ich in die Luft. Im Winter kann ja nur alles vorbereitet und gewartet werden.“ Doch seine Unterlagen habe er sogar mit auf den Flugplatz genommen – des schlechten Gewissens wegen.
Hannes ist ein guter Schüler, Angst vorm Durchfallen braucht er nicht zu haben. Selbst wenn er in allen Prüfungen nur die Note vier bekommt, kann er mit einer zufriedenstellenden Zensur die Schule beenden, hat er bereits ausgerechnet. Doch das ist natürlich nicht sein Ziel: „Meine Schwester Laura hat ihr Abitur mit dem Durchschnitt 1,6 gemacht. Mir
wurde von meiner Familie schon gesagt, dass ich doch möglichst nah da ran kommen soll.“
Ein Geheimnis, wie er sich auf die vielen Klausuren vorbereitet, hat Hannes dabei nicht: „Ich habe im Februar mit dem Lernen angefangen. Da hatte ich die Wohnung für mich, weil meine Eltern und mein kleiner Bruder im Urlaub waren. Ab März habe ich mich dann jeden zweiten Tag hingesetzt.“ Auch dass ein Mitschüler noch mal Mathe erklärt haben wollte, hat ihm geholfen. Da habe er gemerkt, dass er den Stoff wirklich verstanden hat.
Dieses systematische Lernen sei für ihn eher ungewöhnlich, gibt er zu: „Sonst fange ich häufig erst auf den letzten Drücker an.“ Auf seine Familie kann er auch während seiner Abschlussprüfungen bauen. Seine Eltern drücken ihm die Daumen, helfen wo sie können. Und: „Ich habe fast jeden Tag mit meiner Schwester telefoniert und mir Tipps geholt“, sagt er.
Dass er für die Ausbildung zum Piloten bei der Lufthansa nach Bremen ziehen müsste, stört den Segelflieger nicht: „Ich bin ja nicht aus der Welt. Anfangs fliege ich nur Kurzstrecken innerhalb Europas, habe dann auch freie Tage. Deswegen ist Pilot gar nicht so ein familienunfreundlicher Beruf wie viele denken.“ Eine Freundin, die ihn an Anklam binden würde, hat er zurzeit ebenfalls nicht.
Für den Fall, dass er den harten Auswahltest mit Übungen zur Psychomotorik und Raumorientierung nicht besteht, hat er einen Plan B: „Dann möchte ich Ingenieurwesen mit Schwerpunkt Luft- und Raumfahrttechnik in Berlin studieren.“ So würde er später zumindest anderen zum Fliegen verhelfen.

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a.rau@nordkurier.de