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Wie die DDR Jarmens Hafen für eine Nacht zurückeroberte

VonStefan HoeftEine Mondfinsternis zu erleben ist wahrscheinlicher: Gestern Morgen lagenim Jarmener Hafen drei einstige DDR-Frachter gleichen Typs ...

Außergewöhnlicher Anblick im Morgenlicht um 5.30 Uhr: Die Nacht über lagen drei Frachter der gleichen DDR-Baureihe am Jarme- ner Bollwerk. So etwas hat es bisher wohl noch nie an der Peene gegeben und wird es wahrscheinlich auch nie wieder. [KT_CREDIT] FOTOs: Stefan Hoeft

VonStefan Hoeft

Eine Mondfinsternis zu erleben ist wahrscheinlicher: Gestern Morgen lagen
im Jarmener Hafen drei einstige DDR-Frachter gleichen Typs beieinander. Ein Bild, das es so wohl nie wieder an der Peene geben wird, wie ein Anklamer Binnenschiff-Experte meint.

Jarmen/Anklam.„So ein Foto hat wirklich Seltenheitswert. Das habe ich selbst noch nicht erlebt – auch nicht zu DDR-Zeiten“, erklärt Ullrich Krüger. Der muss es wissen. Schließlich ist der Anklamer seit 1978 im Peenerevier unterwegs, gilt mit seiner heute ihm gehörenden „Dömitz“ als dienstältester Stammgast hiesiger Binnenhäfen. Am Dienstagabend machte er wieder mal am Jarmener Bollwerk fest, diesmal mit 610 Tonnen Dünger an Bord. Und wurde die Nacht über ungewöhnlicherweise von gleich zwei Schwesterschiffen flankiert. Zum einen der „Altmark“, die gestern Raps für eine Ölmühle in Hamm (Nordrhein-Westfalen) bunkerte und zum anderen der „Königstein“, die auf dem Weg zum Getreideladen nach Demmin einen Zwischenstopp eingelegt hatte.
Alle drei kamen Anfang der 1960er-Jahre auf der Elbewerft Boizenburg auf die Welt, insgesamt ließ die DDR 90 Frachter dieses Typs dort und in Roßlau für ihre Transportflotte bauen, erläutert Krüger. „Davon gibt es aber nur noch rund 50, die anderen sind mittlerweile alle verschrottet.“ Heute tuckern die übrigen Exemplare europaweit Küsten, Flüsse und Kanäle entlang, so manches bekam nach der Wende Eigentümer im Ausland wie beispielsweise in Polen und den Niederlanden. Daher seien Begegnungen der Schwesterschiffe nur noch äußerst selten, im Trio und dann in einem Hafen wie Jarmen sogar ein Glückstreffer, der sich mit einem Sechser im Lotto vergleichen lässt. Doch es gebe noch mehr Besonderheiten bei diesem Familientreffen in Vorpommern, betont Krüger, der in diesen Dingen wie ein lebendes Lexikon wirkt. Immerhin fährt seine „Dömitz“ heute als so etwas wie das Museums-Flaggschiff, ist sie mittlerweile der älteste noch registrierte Frachter dieser Reihe mit rund 67 Meter Länge, 8,20 Meter Breite, gut 800 Tonnen Tonnage. Und besitzt auch noch einen der gigantischen Originalmotoren.
„Die Maschine allein wiegt fast zwölf Tonnen. Das ist ein Achtzylinder, so groß, den kriegst du nicht in dein Wohnzimmer.“ Anders als viele Kollegen, die sich neue kleine und leichte Antriebe einbauen lassen haben, schwört der Anklamer auf die einst genau an diesen Schiffstyp angepasste schwere DDR-Technik. „Das ist ein Langsamläufer, das sind noch echte 420 PS. Da gibt es kein Getriebe, sondern eine umsteuerbare Nockenwelle. Wenn der läuft, dreht sich gleich die Schraube.“ Die Maschine sei kaum kleinzukriegen, brächte ihn wahrscheinlich bis ans Ende der Welt.
Die beiden Schwesterschiffe zu seiner Seite bringen es indes auf 13 Längenmeter mehr. Denn sie gehören zu jenen 22, die nach etwa einem Jahrzehnt Dienst durch eine zusätzliche Rumpfsektion erweitert wurden, um noch etwa 200 Tonnen Fracht mehr befördern zu können. Und nicht nur, dass die „Königstein“ einst Testobjekt für diese Aktion war, mit ihr verbindet Ullrich Krüger auch einige persönliche Erinnerungen. „Die hat mal mein Lehrschiffsführer gefahren, Siegfried Menz aus Zecherin.“

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