Bestattungskulturen

Streifzüge durch verschiedene Friedhofskulturen

Andere Länder, andere Sitten

Der Tod ist ein universeller Bestandteil allen Lebens. Trauer ist eine der elementarsten menschlichen Empfindungen, unabhängig von der Kultur, in die ein Mensch hineingeboren wird. Begräbnisregeln, verschiedene Grabgestaltungen und Symbolik sind für die Hinterbliebenen eine ritualisierte Form der individuellen Trauerbewältigung. Gleichzeitig geben diese gesellschaftlichen Verhaltensmuster Aufschluss über unterschiedliche Arten der Friedhofskultur, wie sie in den drei monotheistischen Religionen Christentum, Islam und Judentum vorherrschen.

Das Christentum

Die Friedhofskultur des Abendlandes beruht auf den historisch gewachsenen Traditionen und Werten der christlichen Religion. Zwar weisen Friedhöfe anderer Länder im Vergleich zu Deutschland klimatisch und national bedingte Unterschiede auf, doch ist der Wiedererkennungsgrad für den deutschen Besucher aufgrund religiöser Gemeinsamkeiten im allgemeinen sehr hoch.

Nimmt man das südliche Frankreich als Beispiel, so fällt auf, dass auf den dortigen Friedhöfen wenig Grünes zu finden ist. Statt dessen herrscht heller Stein vor, in Form von flachen Grabplatten von Mausoleen oder monumentalen Grabdenkmälern. Zwischen den dicht beieinander stehenden Gräbern sind häufig Kieswege angelegt. Vereinzelter Blumenschmuck ist aufgrund des wärmeren Klimas meist aus Plastik.

Eine französische Besonderheit, und dies nicht nur im Süden, sind Erinnerungsta-feln, meist aus Porzellan oder Marmor, die wie Bilder auf den flachen Grabsteinen stehen. Auf ihnen befinden sich oft Porträtmedaillons der Verstorbenen, Bibelsprüche, Gedichte und Widmungen der Angehörigen oder Freunde. Zudem sind auf den Tafeln die unterschiedlichsten Motive, oft aus Bronze, abgebildet: Neben christlichen Symbolen wie dem Kruzifix, einer Madonna oder einem Christus mit Dornenkrone gibt es viele weltliche Dekorationsmotive wie Rosen, Blumen, Vögel oder Herzen. Gerne werden auch der Beruf oder das Lieblingshobby in Form von Symbolen auf den Erinnerungstafeln dargestellt. Somit wird über den Tod hinaus der jeweilige Mensch mit seinen Vorlieben und Besonderheiten für die Nachwelt in Erinnerung gehalten.

 

Der Islam

"Das beste Grab ist das Grab, das man nicht sieht," soll angeblich der Prophet Mohammed gesagt haben. Viele muslimische Friedhöfe in der arabischen Welt halten sich noch an diese Art der Grabgestaltung, wie die kaum sichtbaren Grabhügel ohne oder nur mit einem kleinen Feldstein zeigen. In anderen muslimischen Ländern wie der Türkei oder Persien ist es allerdings schon seit Jahrhunderten üblich, ähnlich wie in unseren Breiten, der Toten mit Mausoleen und großzügig gestalteten Anlagen zu gedenken. In Deutschland findet man zunehmend Friedhöfe mit islamischen Grabfeldern, auch wenn die Mehrzahl der als ehemalige Gastarbeiter ins Land gekommenen Muslime im Todesfall noch stets zum Begräbnis in ihre Ursprungsländer ausgeflogen werden. Das älteste islamische Gräberfeld Deutschlands ist seit 1798 in Berlin zu finden, seit einer Umbettung im Jahre 1866 am heutigen Columbiadamm. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. stellte damals ein Areal für die Bestattung verstorbener Gesandter des Osmanischen Reiches zur Verfügung.

Für den Todesfall liefert das islamische Gesetz zahlreiche Vorschriften, die in einigen Fällen schwer mit dem deutschen, christlich geprägten Friedhofs- und Bestattungsgesetz zu vereinbaren sind, auch wenn in letzter Zeit eine Öffnung des Bestattungsrechts stattgefunden hat. In Deutschland ist das islamische Gebot des ewigen Ruherechts aufgrund des Flächenbedarfs auf kommunalen Friedhöfen, wo normalerweise eine Totenruhe von 20 bis 25 Jahren üblich ist, schwer zu gewährleisten. Teilweise problematisch, da noch nicht überall erlaubt, ist die sarglose Bestattung des in schlichte weiße Leinen- oder Baumwolltücher gehüllten Leichnams, der zudem in-nerhalb von 24 Stunden, spätestens jedoch binnen 48 bis 96 Stunden beerdigt sein sollte. Muslime dürfen nur mit anderen Muslimen und nur in Erdbestattungen beigesetzt werden. Ganz wichtig ist die Ausrichtung der Grabanlage und auch des Leichnams nach den Regeln des Islams: Während das Grab nach Südosten gen Mekka angelegt werden muss, so wird der Leichnam mit dem Kopf nach Westen mit dem Gesicht in Richtung Kaaba, dem Heiligtum in Mekka, bestattet. Wenn auch für die meisten Muslime in Europa die schlichte Anlage der Grabstätten ein wesentliches Merkmal der Grabgestaltung bleibt, sind jedoch auch Anpassungserscheinungen an das jeweilige Einwanderungsland zu erkennen. So sind z.B. in Frankreich, einem Land mit einem hohen Anteil an muslimischen Immigranten, die auf französischen Gräbern üblichen Erinnerungstafeln zunehmend auch auf einigen islamischen Friedhöfen zu finden.

Der jüdische Friedhof

Im Rahmen des jüdischen Gesetzes Halachah gibt es nur wenige Vorschriften, wie ein Friedhof zu gestalten ist. Im Gegensatz zum christlichen Kirchhof lag und liegt er jedoch grundsätzlich außerhalb des Gemeinwesens, da er in der jüdischen Kultur als unreiner Ort gilt. Wie im Islam, so gilt auch bei den Juden die "ewige Ruhe", bestehende Gräber sollten nach Möglichkeit niemals neu belegt werden. Grabsteine sind gang und gäbe, allerdings findet man traditionell selten eine Bepflanzung der Gräber mit Blumen. Man läßt Efeu oder Bodendecker auf ihnen wachsen oder bestreut sie mit Kies. In der jüdischen Kultur Europas unterscheidet man zwischen der sephardischen Tradition (ausgehend von Spanien und Portugal) und der aschkenasischen Tradition aus Ost- und Mitteleuropa.

In der Friedhofskultur unterscheiden sich beide Traditionen durch die Stellung der Grabzeichen: stehend auf aschkenasischen und liegend auf sephardischen Friedhöfen. Wie im Islam, so ist im jüdischen Glauben eine bestimmte Ausrichtung der Gräber wichtig: Sie werden mit der Kopflage so ausgerichtet, dass bei der Auferstehung des Toten das Angesicht gen Jerusalem schaut.

Wer auf einem jüdischen Friedhof ein Grab besucht, bringt keine Blumen oder Gestecke mit, sondern hinterlässt einen Stein - damit wird der Verstorbene geehrt und nicht vergessen. Der Davidstern, der seit alters her als magisches Zeichen in vielen Kulturen bekannt ist, wurde erst im 18. Jahrhundert zum Symbol des gesamten Judentums, nachdem ihn im Mittelalter die Prager Gemeinde als Zeichen in ihr Wappen aufgenommen hatte. Als Symbol ziert er seitdem viele jüdische Grabsteine.

Nach oben