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Aufstand der Intellektuellen gegen das Schulsystem

Schafft die Klassen ab, keine Fächer mehr, keine Noten. Generationen von Schülern hatten recht, Schule ist wirklich schrecklich. Medienwirksam fordert ...

Richard David Precht

Schafft die Klassen ab, keine Fächer mehr, keine Noten. Generationen von Schülern hatten recht, Schule ist wirklich schrecklich. Medienwirksam fordert Philosoph Richard David Precht in seinem neuen Buch den radikalen Umbau des Schulsystems und trifft, was sein Talent ist, den Zeitgeist. Der Einwand mag populistisch wirken, der Vorwurf aber wiegt schwer. Ein Schulsystem, das den Kindern ihre natürliche Lust am Lernen nehme und ihre Begabungen nicht entdecken und fördern könne, dürfe nicht länger aufrechterhalten werden. Precht und der Hirnforscher Gerald Hüther sind wohl die bekanntesten Vertreter dieser Bewegung, aber auch hierzulande gibt es Forderungen, das bisherige Schulsystem rigoros zu ändern.

Der Neubrandenburger Hochschulprofessor Robert Northoff hat ein Buch vorgelegt, indem er die Abschaffung der einzelnen Schultypen zugunsten einer Gemeinschaftsschule fordert. Dazu muss man wissen, dass Northoff vor seiner Hochschulkarriere unter anderem Jugendrichter in Hamburgs Problemkiez St. Pauli war und die oft schwierigen familiären Hintergründe der jungen Straftäter kennt. Wenn jene den größten Teil des Tages in der Schule und nicht auf der Straße oder in ihren prekären Familien verbracht hätten, hätte er sie vielleicht nie zu Gesicht bekommen. „Denn keiner dieser jungen Menschen ist schon gewalttätig auf die Welt gekommen.“

Dieser Gedanke findet sich auch in dem ethischen Anspruch wieder, den Northoff an jedes Schulsystem stellt: „Der Bildungsweg junger Menschen sollte nicht durch ihre soziale Herkunft bestimmt werden. Die augenblickliche Zuordnung vermeintlich Leistungsschwächerer zu bestimmten Schultypen ist ein Fehler.“ Kinder müssten ohne selektive Auswahlverfahren, Ansehen oder soziale Herkunft Zugang zu Bildung haben – erst dann könne von Chancengleichheit die Rede sein. Das sei kein Zugeständnis, das verlange das Grundgesetz.* Die vor vier Jahren in Kraft getretene UN-Behindertenrechtskonvention erweitert diesen Anspruch verpflichtend auf Menschen mit Behinderung.

Warum man in Deutschland so viel Angst vor einer Schule habe, in die all die Kinder gehen würden, die heute noch auf Förder- und Regionalschulen, Haupt- oder Realschulen sowie Gymnasien verteilt werden, sei durch Fakten nicht zu erklären, sagt Northoff. Finnland und Südkorea sind Spitzenreiter bei PISA, die Abiturquoten liegen dort bei etwa 60 und 90 Prozent. In beiden Ländern werden die Kinder überwiegend in Gemeinschaftsschulen unterrichtet.

Dabei lässt sich nicht behaupten, dass Gemeinschaftsschulen per se gut seien. Von ihrer Struktur her sind sie besonders effektiv, weil es ihnen offensichtlich gelingt, die individuell unterschiedlichen Entwicklungsverzögerungen von Kindern auszugleichen. Wenn die Schulen wie beim Spitzenreiter Südkorea aber einseitig leistungs- und ergebnisorientiert sind, erzielen die Schüler zwar Spitzenleistungen, dies fordert aber einen hohen Preis. Die Suizidrate in dem asiatischen Land ist gerade bei Schülern hoch. Jede Gesellschaft müsse für sich entscheiden, wohin sie wolle, welche Möglichkeiten und Chancen sie ihren Kindern eröffnen möchte. Wie er sich das für Deutschland vorstellt, hat Robert Northoff in seinem Buch „Inklusive Gemeinschaftsschule - Ein diskursives Votum“ vorgestellt.

 

Robert Northoff: Inklusive Gemeinschaftsschule. Ein diskursives Votum. Logos-Verlag 2012, 112 Seiten, 14,90 Euro

Richard David Precht: Anna, die Schule und der liebe Gott. Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern. Goldmann-Verlag 2013, 352 Seiten, 19,90 Euro

* Artikel 3 und Artikel 20 Absatz 1 Grundgesetz