40 Jahre Notrufnummern:

110 und 112: Bravourstücke eines Sturkopfs

Heute kennt ihn jeder, den Notruf 110 oder 112. Doch vor 40 Jahren brauchte es einen „aggressiven Dickschädel“, um die lebensrettenden Telefonnummern in Deutschland durchzusetzen.

Jeder kennt die Notrufnummern 110 und 112 – selbst in Zeiten von Handy und Notrufsäulen.
David Ebener Jeder kennt die Notrufnummern 110 und 112 – selbst in Zeiten von Handy und Notrufsäulen.

Am Anfang steht ein Schicksalsschlag. 1969 stirbt Björn Steiger nach einem Unfall. Der Achtjährige hört in Folge eines Schocks zu atmen auf. Fast eine Stunde dauert es, bis endlich ein Rettungswagen eintrifft. Die Hilfe kommt zu spät. Damals schwört sich sein Vater Siegfried aus Winnenden bei Stuttgart, das deutsche Rettungssystem zu verbessern. Vier Jahre später hat er die Notrufnummern 110 und 112 durchgeboxt. Heute werden die dreistelligen Lebensretter 40 Jahre alt. Deutschlandweit rufen täglich zehntausende Menschen unter den Nummern Hilfe.

1969 gibt es keine Notrufsäulen oder Handys, einheitliche Notrufnummern existieren nur in wenigen Großstädten. Wer Hilfe braucht, muss die Nummer der nächsten Polizei oder Feuerwehr wissen – oder im Telefonbuch nachschlagen. Steiger will Abhilfe schaffen. Seine Hartnäckigkeit wird legendär. Der damalige Bundesverkehrsminister Georg Leber wird laut der Steiger-Stiftung auf einem Zettel gewarnt: „Vorsicht! Steiger ist sehr aggressiv.“

Nur ein bundesweites System macht Sinn, ist Steiger überzeugt

Dass ein zentraler Notruf zunächst als zu teuer gilt, passt dem Gründer der Björn-Steiger-Stiftung gar nicht. Als er mal nachfragt, heißt es nur „nicht finanzierbar“. Deshalb erkundigt sich Steiger selbst, was es kostet, in allenOrtsnetzen des Bezirks Nordwürttemberg die Notrufnummern 110 und 112 einzurichten. „Eine Stunde später hatte ich den Preis“, erinnert er sich. 387 000 D-Mark (rund 198 000 Euro) fallen an. Bei vier Millionen Einwohnern sind das 10 Pfennig pro Person.

Steiger rechnet: Pro Kreis muss er 20 000 Mark eintreiben. Also geht er Klinken putzen. Am Ende ziehen alle Kreise mit. Doch das reicht Steiger nicht: Nur ein bundesweites System macht Sinn, ist er überzeugt. Steiger klagt gegen das Land Baden-Württemberg auf Einführung der Nummern. Das geht zwar schief, doch die Medien werden wach, der Druck wächst. Am 20. September 1973 ruft Bundespostminister Horst Ehmke an: "Ihr Dickschädel hat sich durchgesetzt. Wir haben den Notruf beschlossen."