Bundesweite Debatte über Unterrichtsinhalte:

17-Jährige klagt über Schulausbildung

Es war nur eine Kurznachricht in einer Internetplattform – doch diese verbreitete sich in Windeseile. Plötzlich ist die Meinung einer Schülerin so relevant, dass auch Politiker und Lehrerverbände darüber diskutieren.

Ein Screenshot des Posts, der eine bundesweite Debatte über Unterrichtsinhalte auslöste.
Screenshot von Twitter Ein Screenshot des Posts, der eine bundesweite Debatte über Unterrichtsinhalte auslöste.

Fit in Gedichtinterpretationen, aber keine Ahnung vom wirklichen Leben? Mit ihrer Schulkritik via Twitter hat eine Schülerin aus Köln eine gesellschaftliche Debatte über Unterrichtsinhalte ausgelöst. „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann 'ne Gedichtsanalyse schreiben. In vier Sprachen“, schrieb sie unter @nainablabla – und traf damit offenbar einen Nerv. Ihre Kurznachricht verbreitete sich in Windeseile tausendfach im Netz und wurde zum politischen Thema.

Bundesbildungsministerin reagierte

„Ich finde es sehr positiv, dass Naina diese Debatte angestoßen hat“, sagte Ministerin Johanna Wanka (CDU) nach Angaben ihres Sprechers in Berlin. „Ich bin dafür, in der Schule stärker Alltagsfähigkeiten zu vermitteln. Es bleibt aber wichtig, Gedichte zu lernen und zu interpretieren.“

Die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) verwies auf eine Empfehlung der Kultusministerkonferenz (KMK), Verbraucherbildung an Schulen stärker in Lehrplänen zu verankern. „Die Frage ist aber auch: Wie schaffen wir das, ohne dass wir ständig von oben draufsatteln.“

Bis zum Mittwochnachmittag wurde Nainas Twitter-Beitrag, den sie am Samstag gepostet hatte, 22 499 mal favorisiert und 12 245 mal geteilt – allein auf Twitter, denn ihr Tweet wurde von Internetnutzern auch in anderen Netzwerken. Die Meinungen der Nutzer sind jedoch durchaus gespalten. „Ich kann mit meinen Bewerbern, die jetzt aus der Schule kommen nie was anfangen, weil sie von NICHTS ne Ahnung haben“, schreibt einer. Ein anderer meint: „Manche Erfahrungen muss man selber machen und Eigenverantwortung kann einem auch keiner beibringen.“

Lehrergewerkschaft sieht das anders

Die Lehrergewerkschaft GEW wehrt sich gegen Nainas Kritik. „Sie spitzt das schon sehr zu“, meint die nordrhein-westfälische GEW-Landesvorsitzende Dorothea Schäfer. Zwar würden an Gymnasien weniger praktische Dinge unterrichtet als an anderen Schultypen. „Gerade in der Oberstufe lernen die Schüler aber, wie sie sich selbst Informationen beschaffen könnten – vor allem in Zeiten des Internets.“ Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, sieht auch die Eltern in der Pflicht: Ein gewisses Maß an Alltagstauglichkeit müsse in der Familie vermittelt werden.

Naina hat auf Twitter mittlerweile mehr als 10 000 Follower. „Warum ist denn der Tweet von @nainablabla so hochgegangen?! Ist ja nicht so, dass ich das nicht schon seit Jahren höre & selbst predige“, wundert sich ein Twitter-Nutzer.

Das Phänomen, dass die Twitter-Nachricht einer unbekannten Person plötzlich die große Runde macht, erklärt Jens Vogelgesang, Kommunikationswissenschaftler an der Uni Münster, mit dem sogenannten Netzwerk-Effekt. Nainas Follower haben die Nachricht mit ihren eigenen Netzwerken geteilt. An irgendeiner Stelle war jemand darunter, der als eine Art Meinungsführer über ein besonders großes Netzwerk verfügt. „Das wirkt dann wie ein Beschleunigermodell“, erläutert Vogelgesang.

Zusätzlich müsse der Beitrag aber auf eine bestimmten Zeitgeist oder eine gesellschaftliche Stimmung treffen, damit er auf ausreichendes Interesse stoße.