Ein Fotoalbum ohne Geschichte:

Auf der Suche nach Schicksalen in schwarz-weiß

Als fast sieben Millionen Menschen aus den so genannten Ostgebieten des Deutschen Reiches fliehen mussten, blieb vieles zurück. Unter anderem Fotoalben. Eines ist jetzt wieder aufgetaucht.

Wenn Marta Holownia in dem Album blättert, macht sie sich Gedanken um das Schicksal der dort Abgebildeten.
Wenn Marta Holownia in dem Album blättert, macht sie sich Gedanken um das Schicksal der dort Abgebildeten.

Solche Fotoalben werden heute wohl gar nicht mehr gemacht: Sorgfältig sind Fotografien auf schwarze Pappe geklebt und genau so sorgfältig beschriftet. „Flugplatz Wernigerode, 31. August 1928“ oder „Vitte, Frl. Arnheims Strandkorb, Helga & Harald aus Süd-Afrika“ steht da.

Das Fotoalbum zeigt eine Familie im Urlaub: Im Harz, im Spreewald, in der Lüneburger Heide, am Bodensee und sogar in Dänemark, Schweden und Norwegen. Und das zu einer Zeit, als Verreisen noch keine Massenerscheinung war. Zu sehen sind auf den Fotos immer wieder zwei Mädchen beziehungsweise junge Frauen in den gleichen Kleidern, vermutlich Schwestern. Wo sie gelebt haben, wenn sie nicht gerade im Urlaub waren, oder wie sie selbst heißen, darüber verrät das Fotoalbum nichts.

Erkennt jemand die Menschen auf den Fotos?

„Das waren vermutlich reiche Leute, wenn sie so oft verreisen konnten“, meint Marta Holownia. Mehr weiß auch sie nicht. Seit es vor zwei Jahren in ihren Besitz gekommen ist, blättert sie immer wieder in dem Fotoalbum und macht sich Gedanken über das Schicksal der darin abgebildeten Menschen. Ein Unbekannter hat es ihrem Mann gegeben, im Tausch für ein paar Bier.

Seitdem hat sie versucht, Angehörige der Personen auf den Fotos ausfindig zu machen. Aber das ist nicht so einfach. Denn Marta Holownia ist Polin und wohnt in Pyrzyce bei Stettin, dem ehemaligen Pyritz in Hinterpommern. Jetzt hat sie sich an den Nordkurier gewandt, in der Hoffnung, dass es unter den Lesern jemanden gibt, der die Menschen auf den Fotos erkennt.

Vielleicht gehörten sie ja zu den fast sieben Millionen Menschen, die gegen Ende des zweiten Weltkrieges aus den so genannten Ostgebieten des Deutschen Reiches fliehen mussten oder vertrieben wurden. Das Album blieb irgendwo in einem Schrank oder einer Schublade zurück, geriet in Vergessenheit, tauchte wieder auf und wurde verhökert.

Woher kam die Familie aus dem Fotoalbum?

Aber ganz so einfach ist das nicht, denn im zweiten Teil des Albums tauchen Fotos auf, die nicht beschriftet sind, aber eindeutig nach dem Krieg aufgenommen wurden, vermutlich im Westdeutschland der 50er oder 60er Jahre. Darauf ist immer wieder eine erwachsene Frau zu sehen. In der Natur, auf Arbeit, beim Tanz. Es ist also äußerst unwahrscheinlich, dass die Familie ursprünglich tatsächlich aus der Pyritzer Gegend stammt, das Album mit auf die Flucht nahm, neue Bilder hinein klebte und es dann irgendwie wieder nach Hinterpommern gelangte.

Dass kann sich auch Marta Holownia kaum vorstellen. Aber sie kann sich vorstellen, wie wichtig dieses Album für eine Familie irgendwo in Deutschland sein könnte. Ihre Großmutter nämlich stammt aus der Region um Vilnius in Litauen, die bis zum Kriegsausbruch polnisch war und dann zur Sowjetunion gehörte. Also ist auch die Familiengeschichte von Marta Holownia eine Geschichte von Vertreibung und verlorener Heimat.

 

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