Neuer Rekord:

Bergsteiger bezwingen legendäre Felswand

Ohne Hilfsmittel an senkrechten Felswänden  – für Laien ist Freeclimbing der reinste Nervenkitzel. Jetzt haben zwei Amerikaner 19 Tage an einem solchen Berg verbracht – und selbst die Fachwelt staunt.

Diese Wand ist eine echte Herausforderung: Beim Klettern dürfen nur Hände und Füße eingesetzt werden – ein Seil dient nur im Notfall als Absicherung. Foto: Patrick Tehan/Zuma press
Patrick Tehan Diese Wand ist eine echte Herausforderung: Beim Klettern dürfen nur Hände und Füße eingesetzt werden – ein Seil dient nur im Notfall als Absicherung. Foto: Patrick Tehan/Zuma press

Mit bloßen Händen die wohl schwierigste Steilwand der Welt hinauf: Zwei US-Kletterer meistern eine der spannendsten Herausforderungen für Bergsteiger. „Das war ein guter Adrenalin-Schock“, meint der sichtlich ausgezehrte Freeclimber Tommy Caldwell auf dem Gipfel des El Capitan im US-Staat Kalifornien. „Es gab Zeiten, da habe ich mich gefragt, ob ich es schaffe“, fügt er am Donnerstag hinzu.

19 lange Tage waren Caldwell (36) und Kevin Jorgeson (30) unterwegs im riesigen Fels-Monolithen im Yosemite-Park. Jubelnd liegen sich die Kletterpartner in den Armen. Freunde und Familie klatschen laut Beifall, als der Aufstieg durch die fast 1000 Meter hohe Felswand geschafft ist.

Sogar Barack Obama jubelt: „Ihr habt uns daran erinnert, dass alles möglich ist“, twittert der US-Präsident. „Es geht nicht um Eroberung, es geht darum, einen Traum zu verwirklichen“, hatte Jorgeson noch kurz vor dem Ziel bei dem Kurznachrichtendienst geschrieben.

Bisher galt die gefährliche „Dawn Wall“-Route im berühmten Yosemite-Park für Freeclimber als unbezwingbar. Der Clou: Bei dieser Klettertechnik dürfen nur Hände und Füße eingesetzt werden – ein Seil dient nur für den Notfall als Absicherung, um einen Sturz zu stoppen.

Die weltweite Kletter-Szene kann nur staunen: „Das ist das schwierigste große Stück Fels, das bekannt ist“, erzählt Thomas Bucher, Sprecher des Deutschen Alpenvereins (DAV). „Das ist ein Rekord, den kaum einer so schnell wiederholen wird.“

Zwar sei die Route schon länger bekannt – aber nur für Kletterer, die sich mit viel Material und Fortbewegungstricks hinaufarbeiten. Nicht fürs freie Klettern. „Um solche Qualen über viele Tage auszuhalten, muss man ein Stück weit besessen sein.“

Während der fast dreiwöchigen Tour berichten beide Kletterer beinahe minutiös via Twitter und Facebook über zerschundene Fingerkuppen und die winzigen, scharfen Felsspalten, an denen sie sich festkrallen mussten. Doch sie hätten Glück gehabt, meint Caldwell. „Unsere schwersten Verletzungen waren leichte Schnitte in den Fingerspitzen.“

1000 Meter an einer senkrechten Granitwand, ohne Haken und Befestigung – ist das nicht ein Spiel mit dem Tod?

„Vielleicht wäre es für Andere verantwortungslos“, meint Bucher. „Für die beiden aber nicht.“ Entscheidend sei, dass Caldwell den Felsen so gut gekannt habe wie kaum ein anderer. „Im Yosemite-Tal fühlt sich der Fels ganz anders an als Kalkfelsen in Europa“, erklärt Bucher.

Seinen steinigen Gegner zu kennen, mache im Klettersport viel aus. An einer europäischen Steilwand hätten aber vielleicht auch die Helden von Kalifornien erst mal ihre Probleme.

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