Datenschutz :

Blogger erprobt die digitale Nacktheit

Privatsphäre im Internet? Längst überholt. Der Blogger Christian Heller lässt im Internet komplett "die Hosen runter" und stellt alle seine Daten ins Netz. Was Datenschützern Sorgen bereitet, ist für ihn ein Experiment.

Christian Heller stellt sein gesamtes Leben in Netz.
Stephanie Pilick Christian Heller stellt sein gesamtes Leben in Netz.

Die Angst, ein gläserner Bürger zu sein, hat Christian Heller überwunden. Der Berliner steht gerne splitternackt da, zumindest was seine Daten angeht. Der 28-Jährige stellt seine Daten für alle sichtbar ins Internet. Großer Lauschangriff, PRISM, NSA-Affäre? Heller geht in die Offensive, indem er seine digitalen Hosen freiwillig herunterlässt.

Seine Veröffentlichungen reichen vom Terminkalender über den Stand persönlicher Finanzen bis hin zu Auskünften über sein Sexualleben. "Post-Privacy-Experiment" nennt Heller sein Projekt. Seit mehreren Jahren protokolliert er akribisch seinen kompletten Tagesablauf und veröffentlicht alles auf seiner Webseite www.plomlompom.de als "PlomWiki". "Meine Philosophie ist, dass Daten umso nützlicher sind, je öffentlicher sie sind", sagt Heller.

15.55 Uhr: "Döner verzehren, danach Schoko-Pudding"

18.40 Uhr: "LSD-Trip-Notizen feinzurren, publizieren"

Viele Einträge in Hellers "Wiki-Gehirn" sind Banalitäten. Der Berliner glaubt auch nicht wirklich, dass sehr viele Menschen seine Einträge läsen. Auf Zugriffsstatistiken für seine Webseite schaue er nicht, meint er.

Experiment ist grundsätzlicher Natur

Spätestens seit der NSA-Affäre ahnen die Bürger, dass ihre Privatsphäre, ihr Recht auf informationelle Selbstbestimmung möglicherweise schon lange eine Illusion ist. Staatliche Überwachung scheint in großem Stil Praxis zu sein. Aber die Menschen tragen auch selbst zu ihrer Gläsernheit bei: In sozialen Medien breiten viele mit Begeisterung ihr Privat- und Intimleben aus.

Christian Heller gehört einer Bewegung an, die diesen gesellschaftlichen Zustand als "Post-Privacy" bezeichnet. Sie fragt, ob man sich im digitalen Zeitalter weiter für eine Privatsphäre einsetzen sollte oder den Datenschutz nicht einfach aufgeben sollte. "Post-Privacy. Prima leben ohne Privatsphäre" heißt ein recht erfolgreiches Buch von Heller, das sich mit der Theorie der Privatsphäre als Auslaufmodell beschäftigt. Auch Vorträge hält der Blogger und schreibt Fachartikel über das "digitale Menschenbild".

Der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar findet Hellers Thesen "naiv und gefährlich". "Pressemeldungen über Überwachungsstaaten lassen nur erahnen, in welchem Ausmaß Datenströme kontrolliert, zensiert und manipuliert werden können", schreibt Schaar in einer Rezension über Hellers Buch. "'Machen wir das Beste daraus' heißt für mich nicht, derlei Entwicklungen achselzuckend hinzunehmen." Vielmehr müsse der Weg in die demokratische Informationsgesellschaft gestaltet werden, mahnt Schaar. Für Heller hingegen leistet die Post-Privacy-Debatten einen Beitrag zu den Bemühungen, das Zusammenleben der Zukunft zu gestalten. Transparenz könne auch nützen, staatliche Macht zu kontrollieren, meint der Blogger.