Zerrissene Krankschreibung:

Copilot war am Flugtag krankgeschrieben

Er saß im Cockpit, obwohl er krankgeschrieben war. Handelte es sich um eine körperliche Erkrankung, oder verheimlichte Andreas L. seelische Probleme? Eine abschließende Antwort auf dieser Frage gibt es nicht, aber Mutmaßungen.

Polizei-Ermittler tragen am 26.03.2015 im Rahmen der Ermittlungen zum Absturz eines Airbus A320 der Fluggesellschaft Germanwings einen Karton aus einem Haus in Montabaur (Rheinland-Pfalz).
Frederik von Erichsen Polizei-Ermittler tragen einen Karton aus einem Haus in Montabaur.

Diagnose verheimlicht und ins Cockpit gesetzt: Der Germanwings-Copilot war am Tag des Absturzes krankgeschrieben. Die Ermittler fanden bei der Durchsuchung seiner Wohnung in Düsseldorf gleich mehrere zerrissene Krankschreibungen. Für einen längeren Zeitraum und auch am Tag des Absturzes war der 27-Jährige arbeitsunfähig, also von mindestens einem Arzt mit dem bekannten «gelben Schein» entsprechend eingestuft.

Doch Andreas L. hat diesen Umstand den Ermittlern zufolge seinem Arbeitgeber verheimlicht. Statt dessen setzte er sich an die Steuerknüppel des A320. Ob es sich um eine körperliche Erkrankung handelte, oder ob er seelische Probleme verheimlichte, darüber schweigen die Staatsanwälte eisern.

Ist die Gefahr des "erweiterten Suizids" ein vernachlässigtes Problem?

Die Entdeckung der medizinischen Formulare in der Wohnung wirft dennoch Sicherheitsfragen für die Luftfahrtbranche auf. Reicht es, sich auf das Verantwortungsbewusstsein des Piloten zu verlassen, wenn bei bestimmten Krankheiten Lizenzentzug und der Verlust des gut dotierten Jobs droht? Arbeitspsychologen weisen darauf hin: Für viele Piloten steht mehr als ein Job auf dem Spiel, sondern ihre über alles geliebte Fliegerei - so wie beim Copiloten Andreas L..

Kann man sich bei einem erkrankten Piloten darauf verlassen, dass er rational reagiert und seinen Job quittiert? Weltweit gibt es mehrere Abstürze, bei denen der «erweiterte Suizid» als Ursache vermutet wird. Ein vernachlässigbares Problem?

Die Pilotenvereinigung Cockpit hat sich bislang skeptisch gezeigt, was regelmäßige psychologische Tests angeht: «Es spricht natürlich einiges dafür, dass es hier um einen Menschen, der psychisch krank gewesen ist, gegangen sein könnte», sagt der Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit, Jörg Handwerg. Aber: «Man kann ja nicht jeden Piloten vor jedem Umlauf zu einem psychologischen Gespräch oder Test schicken.» Die Pilotenvereinigung wird sich nun die Gegenfrage stellen lassen müssen: Reicht einmal im Arbeitsleben aus?

Schweigepflicht auch bei alarmierenden Diagnosen

Ärzten und Krankenkassen sind jedenfalls die Hände gebunden. Sie dürfen den Arbeitgeber nicht auf eigene Faust informieren, auch wenn ihr Patient in einem Hochrisikoberuf arbeitet und die Diagnose noch so alarmierend ist. «Der Patient muss dem Arzt ja nicht einmal seinen Beruf nennen und auch der Kassenärztlichen Vereinigung werden nur anonymisierte Daten übermittelt», sagt ein Sprecher der Ärztekammer Nordrhein.

«Das würde vollkommen gegen den Datenschutz verstoßen», bestätigt ein Sprecher der Krankenkasse Barmer GEK in Wuppertal. «Das ist der Kern des besonders geschützten Vertrauensverhältnisses von Arzt und Patient. Der Arbeitnehmer trägt die Verantwortung. Wenn er es nicht erzählt, erfährt es der Arbeitgeber nicht.»

Eine Ausnahme bildet die fliegerärztliche Untersuchung. Ihr müssen sich die Berufspiloten einmal im Jahr unterziehen und bei Nicht-Bestehen schützt dort keine ärztliche Schweigepflicht. Aber für psychologische Untersuchungen sind die Fliegerärzte nicht ausgebildet, sagt der Präsident des Fliegerarzt-Verbandes, Hans-Werner Teichmüller.

Hochintelligente Menschen können ihr Umfeld täuschen

Der dabei obligatorische Urin- und Bluttest prüft auch nicht auf Antidepressiva oder Drogen. Erst wenn bereits ein Verdacht vorliegt, wird nach solchen Substanzen gesucht. Nicht nur Kriminalpsychologen wissen aber: Hochintelligente Menschen können ihr Umfeld täuschen und ihren wahren seelischen Zustand gut verbergen.

Studien zufolge kommen Millionen Arbeitnehmer in Deutschland hin und wieder krank zur Arbeit. Manche aus Angst vor ihrem Arbeitgeber, manche aus falsch verstandenem Arbeitsethos oder Karrierestreben. Ein ungesunder «Volkssport», der normalerweise vor allem den Kranken selbst gefährdet. Fliegerarzt-Präsident Teichmüller warnt vor voreiligen Schlüssen: «Noch wissen wir nicht genau, welche Krankheit er hatte. Es kann ja auch etwas ganz anderes gewesen sein als das, was alle im Moment glauben.»

Airlines verschärfen weltweit Cockpit-Regeln nach Germanwings-Absturz

Weltweit verschärfen Fluggesellschaften nach der Germanwings-Katastrophe ihre Regeln für die Besetzung im Cockpit. Sie wollen keine Piloten mehr allein im Cockpit erlauben. Bei dem Unglück in den französischen Alpen soll nach Erkenntnissen der Ermittler der Pilot ausgesperrt gewesen sein und der Copilot das Flugzeug auf Crashkurs gesteuert haben. Unmittelbar danach setzte eine heftige Diskussion in Politik und Luftfahrtbranche über eine Änderung der Cockpit-Besetzung ein. Sicherheitsexperten warnen jedoch davor, von dem «Vier-Augen-Prinzip» zu viel zu erwarten.

 

Viele Airlines und Flugsicherheitsbehörden in Europa, aber auch in Australien und Neuseeland kündigten am Freitag eine Neuregelung an oder sie wollen die Bestimmungen für die Cockpit-Besetzung überprüfen. In der Regel sind die Airlines bislang nicht verpflichtet, dafür Sorge zu tragen, dass sich immer mehr als ein Besatzungsmitglied im Cockpit aufhält. In den USA, aber auch in Europa wird das aber schon teilweise so praktiziert.

Für die deutschen Airlines kündigte Matthias von Randow, der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL), an, dass am Freitag die neue Zwei-Personen-Regelung mit dem Luftfahrt-Bundesamt besprochen werden sollte. Als Konsequenz aus dem Absturz hätten sich die BDL-Mitglieds-Airlines darauf verständigt, dass sich kein Pilot während des Fluges mehr allein Cockpit aufhalten soll, hatte von Randow der Deutschen Presse-Agentur gesagt. Die Regelung werde nur vorläufig eingeführt.

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) begrüßte die Ankündigung. Das Vier-Augen-Prinzip im Cockpit ist eine richtige Überlegung», sagte er am Freitag der dpa.Von Randow hatte am Donnerstag in der ZDF-Sendung Maybrit Illner allerdings gewarnt, in puncto Sicherheit seien Schnellschüsse das Falscheste, was man machen kann. Airlines wie Air Berlin und Condor kündigten an, dass die Neuregelung bereits von Freitag an gelte. Lufthansa-Chef Carsten Spohr sagte am Abend in der ARD, man habe mit allen anderen großen deutschen Airlines entschieden, Freitag mit den Behörden zu überlegen, ob es kurzfristig Maßnahmen geben kann, die die Sicherheit noch weiter erhöhen». Germanwings-Chef-Thomas Winkelmann erklärte im ZDF: Mir stellt sich die Frage, wenn ein Mensch mit solcher Energie einen kriminellen Akt begehen will, ob das dann zu verhindern ist, wenn beispielsweise eine Flugbegleiterin oder ein Flugbegleiter im Cockpit ist. In Großbritannien ändern die meisten Airlines ihre Regeln nach einer Empfehlung der Flugsicherheitsbehörde. Bei den Fluggesellschaften Virgin Atlantic, Easyjet, Monarch und Thomas Cook muss sich künftig ein Mitglied der Kabinen-Besatzung im Cockpit aufhalten, wenn einer der Piloten seinen Platz verlässt. Bei den Billigfliegern Jet2 und Flybe sowie dem irischen Billiganbieter Ryanair sei es schon Standard. British Airways wollte sich zunächst nicht äußern.

Von der großen europäischen Airline Air France hieß es, man verfolge aufmerksam Entwicklung und Ergebnisse der juristischen und technischen Untersuchungen. Die Frage der Anwesenheit einer zweiten Person im Cockpit sei ein wichtiges Thema.

Auch Air Baltic, Norwegian und Air Canada führen nach eigenen Angaben die Zwei-Personen-Regel ein. Bei der tschechischen Fluglinie Czech Airlines (CSA) und der tschechischen Charterfluggesellschaft Travel Service gilt die Vier-Augen-Regel bereits.

Auch Australien überprüft die Regeln. Die Regierung habe von den Fluglinien Information zu den Abläufen im Cockpit angefordert, berichtete die Nachrichtenagentur AAP. Neuseeland führt die Zwei-Personen-Regel ab sofort ein, teilte die dortige Zivil-Luftfahrtbehörde (CAA) mit.

Der ehemalige Sicherheitschef der polnischen Fluggesellschaft LOT, Jerzy Dziewulski, äußerte sich skeptisch. Flugbegleiter könnten während der Abwesenheit eines der Piloten nichts machen, um eine Katastrophe zu verhindern, sagte er im Sender TVN 24. Der Pilot in der Kabine sagt: Setz dich, fass nichts an, du hast keine Ahnung. Ich bin derjenige, der die Maschine steuert.

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