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Das größte Weihnachtshaus Deutschlands

Wenn Rolf Vogt am ersten Advent die Fernbedienung drückt, gehen rund 400 000 Lichter an. Das Haus des Rentners aus Niedersachsen ist eine Touristenattraktion. Dafür nimmt der Mann aber auch eine gepfefferte Rechnung in Kauf.

Heller die Lämpchen nie leuchten: Rolf Vogt vor seinem Weihnachtshaus.
Ingo Wagner Heller die Lämpchen nie leuchten: Rolf Vogt vor seinem Weihnachtshaus.

Rolf Vogt gibt es freimütig zu: „Ich habe bei einem Amerikabesuch ’ne Lichtmacke gekriegt.“ Im Dezember 1999 blinkte und funkelte es überall in der Kleinstadt Alamogordo, wo sein Sohn als Bundeswehrsoldat stationiert war. Zwei Reisetaschen voll Lichterschmuck nahm das Ehepaar Vogt sofort aus New Mexico mit zurück nach Niedersachsen.

In diesem Jahr verwandelt er zum 15. Mal sein Haus in Bücken-Calle zwischen Hannover und Bremen in ein glitzerndes Winterwunderland mit Pyramiden, Sternen und Rentier-Schlitten. Und natürlich darf auch der Weihnachtsmann nicht fehlen.

Vier Kilometer Kabel liegen im Garten

Das Weihnachtshaus Calle gilt mit mindestens 400 000 Lichtern als das größte in Deutschland, wenn nicht in Europa. Die genaue Anzahl der Lampen und LED-Lichter will Vogt nicht nennen, auch weil er ständig mit Kurzschlüssen kämpft. Knapp vier Kilometer Kabel liegen in seinem Garten. Mit den Vorbereitungen ist er das ganze Jahr beschäftigt. So hat er einen Springbrunnen aus drei Trampolinen und Rohren vom Schrotthändler konstruiert. Ohne Leiter klettert der 67-Jährige in seine haushohe Tanne, um dort den Schmuck anzubringen.

Die einen halten sie für Kitsch und Stromverschwendung, für die anderen sind sie ein Stimmungsaufheller in der dunklen Jahreszeit. Wie viele erleuchtete Weihnachtshäuser es bundesweit gibt, ist nicht bekannt. Thomas Bloch aus Hoya in Niedersachsen stellt auf seinem Internet-Portal rund 50 zwischen Alpen und Nordsee vor.

„Es ist ein bisschen außer Rand und Band geraten“

Aber was treibt die Besitzer an? „Einige verbinden es mit einem Spendenaufruf für soziale Projekte, andere präsentieren sogar Wintermärchen für Kinder“, erzählt Bloch und nennt das Weihnachtshaus in Olching bei München als Beispiel. Dort inszeniert Manfred Piringer jedes Jahr ein neues Stück.

Calle liegt in der niedersächsischen Provinz. Dennoch zählt Rolf Vogt manchmal 500 Besucher an einem Adventswochenende. „Es ist ein bisschen außer Rand und Band geraten“, sagt der Rentner. In zwei Zelten bewirtet er die Gäste mit Bratwurst und Glühwein – auch um einen Teil der Kosten wieder hereinzubekommen. „Meine Stromrechnung im Dezember liegt immer bei 2800 bis 3000 Euro.“

Einer aktuellen Umfrage zufolge stellen die Deutschen in diesem Jahr etwa 5,8 Milliarden Weihnachtslämpchen auf – 2011 waren es noch 8,5 Milliarden. Der Ökostromanbieter Lichtblick, der die Umfrage in Auftrag gab, macht eine Tendenz zum Stromsparen aus. Der Energieverbrauch für die festlichen Lichter liege aber immer noch bei mindestens 340 Millionen Kilowattstunden Elektrizität, was dem Jahresverbrauch einer 113 000-Einwohner-Stadt entspreche.

Stimmungsaufheller oder inhaltslose Inszenierung?

Die großen Baumarktketten bieten eine größere Palette an Lichterschmuck an als noch vor einigen Jahren. Ob die Kunden mehr oder weniger kaufen, könne man erst in zwei Wochen einschätzen, sagte eine Obi-Sprecherin. Nach Angaben von Hagebau liegt höherwertige energieeffiziente Beleuchtung (LED) im Trend. Gefragt seien auch Timer und Fernbedienungen, die eine gezielte Steuerung der Leuchtdekoration ermöglichen, heißt es aus der Unternehmenszentrale in Soltau.

Der Freiburger Soziologe Sacha Szabo hält die Illumination von Wohnhäusern für eine inhaltslose Inszenierung. Szabo hat das Buch „Fröhliche Weihnachten“ herausgegeben, eine kulturwissenschaftliche Analyse des Festes der Liebe. Eine Kerze im Fenster habe ursprünglich die Bedeutung gehabt, der Schutz suchenden Heiligen Familie mit dem Jesuskind ein Zeichen des Willkommens zu schicken, meint Szabo. „Dies wandelt sich heute zu einem Überbietungswettstreit.“