Terroranschlag in Paris:

Das große Geschäft mit „Je suis Charlie“

Zuerst waren es nur drei Worte in einer Kurznachricht. Inzwischen kennen Millionen Menschen in der ganzen Welt diesen Satz: „Ich bin Charlie“. Manche verdienen sich daran nun eine goldene Nase.

Glaskerzen mit der Aufschrift „Je suis Charlie“ gab es zum Beispiel bei der Mahnwache für ein „weltoffenes und tolerantes Deutschland und für Meinungs- und Religionsfreiheit“ am Brandenburger Tor am 13. Januar in Berlin.
Kay Nietfeld Glaskerzen mit der Aufschrift „Je suis Charlie“ gab es zum Beispiel bei der Mahnwache für ein „weltoffenes und tolerantes Deutschland und für Meinungs- und Religionsfreiheit“ am Brandenburger Tor am 13. Januar in Berlin.

Der Satz, der seit einer Woche in aller Munde ist, tauchte knapp drei Stunden nach dem Attentat auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ in Paris zum ersten Mal auf. Der französische Journalist Joachim Roncin schreibt über den Kurznachrichtendienst Twitter „Je suis Charlie“ (Ich bin Charlie). Jene drei Worte, die wenig später zum Slogan einer gigantischen Solidaritätsbewegung werden.

Seit dem Attentat ist das Blatt so gefragt und bekannt wie nie – eine bittere Ironie, die dem finanziell schwer angeschlagenen Magazin eine Woche nach dem Angriff eine Millionenauflage bescherte. In Frankreich verlangten manche Händler am Donnerstag fünfstellige Beträge oder mehr für die jüngste Ausgabe, die in einer Auflage von fünf Millionen Exemplaren gedruckt werden soll.

Ganz dreiste Anbieter haben das Magazin digitalisiert und bieten PDF-Versionen zum Download im Internet für ein paar Euro an. Die Nachfrage ist so groß, dass sich selbst damit Hunderte Euro verdienen lassen. Dass dies mit dem Urheberrecht kaum zu vereinbaren ist, scheint sie nicht zu stören. „Das ist absolut unanständig“, schimpfen Journalistenvertreter wie Christophe Deloire von Reporter ohne Grenzen.

Im Internet finden sich darüber hinaus mehrere Tausend Angebote für Fanartikel aller Art. Was in Paris als Welle der Solidarität begann, wurde innerhalb kürzester Zeit auch zu einem Geschäft. Im Angebot: Bedruckte T-Shirts, die beim großen Solidaritätsmarsch am Sonntag dankbare Abnehmer fanden, Tassen, Stoffbeutel und Buttons mit der Aufschrift „Je suis Charlie“. Und sogar Babys und Vierbeiner dürfen sich ungefragt zu „Charlie“ bekennen. Einen Strampler gibt es bereits ab 14,50  Euro, das Hundehalsband für 8,90  Euro.

„Charlie Hebdo“-Zeichner findet deutliche Worte

Eine Vermarktung, die manch einem überzogen vorkommen mag. „Wir kotzen auf all diese Leute, die auf einmal unsere Freunde sein wollen“, formuliert es „Charlie Hebdo“-Zeichner Barnard Holtrop und zielt damit auch auf diejenigen ab, die dem Blatt vorher eher kritisch gegenüberstanden.

Wie man es allerdings auch machen kann, zeigt die Organisation Reporter ohne Grenzen: Auch sie verkauft T-Shirts mit „Charlie“-Aufdruck. Diese Erlöse gehen jedoch an die Redaktion des Satiremagazins.

Kurze Zeit nach dem Attentat am 7. Januar waren es nur eine Handvoll Pariser Journalismusstudenten, die sich am Tatort zu der Parole „Je suis Charlie“ bekannten. Sofort sei klar gewesen, dass man Gesicht zeigen müsse, erzählte Clivia Potot-Delmas an jenem Tag, an dem bei dem Attentat zwölf Menschen erschossen wurden.

Eine junge Französin war ebenfalls gekommen und ärgerte sich, dass nicht mehr Menschen Flagge zeigten. „Wo sind denn alle Franzosen?“, fragte sie. Auch sie hätte zu diesem Zeitpunkt wohl nicht gedacht, dass nur wenige Tage später Millionen Menschen auf die Straßen gingen, die Führungsriege Europas Arm in Arm schritt und alle Welt plötzlich irgendwie zu „Charlie“ geworden war.

Ein junger Franzose singt auf Youtube die Worte, die die aktuelle Stimmung vielleicht erklären: „Wenn du fragst, wo Charlie ist: Für immer in unserem Geiste.“

Nordkurier digital: Jetzt 6 Wochen zum Sonderpreis testen!