Fernsehen:

Ein gelernter Metzger dreht Spitzenpolitiker durch den Wolf

Stefan Raab ulkt und erfindet Formate fürs TV. Nun versucht er sich als politischer Journalist.

Stefan Raab liebt Aufmerksamkeit. Die größtmögliche. Vermutlich entschloss er sich deshalb gegen einsame Kühlhäuser und gegen den Platz hinter der Verkaufstheke eines Fleischerbetriebs. Dabei schloss er seine Gesellenprüfung mit „sehr gut“ ab. In diesem Metier hätte er es nie jemandem beweisen müssen. Die Noten hätten für sich gesprochen. In jedem Unternehmen hätten ihn die Chefs mit Kusshand genommen.

Gerade das mag Raab so gar nicht. Wenn ihn das Publikum und Senderchefs unterschätzen, dann läuft der 46-Jährige erst zur Hochform auf. Eine Charaktereigenschaft, die sich durch sein Leben zieht. Als er sich mit selbst zusammengestoppelten Werbejingles beim damals neu gegründeten Musiksender Viva bewarb, dachte mancher: Der hat doch wohl ‘nen Knall. Gerade diese maßlose Selbstüberschätzung brachte ihm jedoch einen Job als VJ, als Videojockey, ein. Jahr um Jahr entwickelte sich der Mann mit der markanten breiten Zahnleiste zum Starmoderator, bis ihm Pro Sieben 1999 „TV total“ anbot. Eine Sendung, die für viele gleich doppelt pikant erschien: Erstens, weil es sich um eine Sendung handelt, die das Medium auf die Schippe nimmt, in dem sich Raab selbst bewegt. Zweitens, weil der von vielen gehasste Moderator mit diesem Format nach kurzer Zeit täglich auf die Mattscheibe kam.

Zwar ist „TV total“ im 14. Jahr zur Basis des Entertainers geworden, aber auch zur Routine. Etwas, das der gebürtige Kölner nicht leiden kann. Deshalb sucht er sich stets andere Betätigungsfelder. Er wagt sich in den Boxring, setzt sich in eine Wokschüssel und rast Abhänge hinunter und springt von Zehn-Meter-Türmen ins Wasserbecken. Er brabbelte beim Eurovision Song Contest für Deutschland nicht nur „Wadde Hadde Dudde Da“ ins Mikrofon. Vor drei Jahren zog er den bundesrepublikanischen Vorentscheid für den größten Musikwettbewerb gleich ganz an sich. Revolutionierte die Spielregeln der Show, die kaum einer mehr sehen wollte, und schickte eine gewisse Lena ins Rennen. Prompt holte das damals noch unbekannte, zuckersüße, unverdorbene Gör‘ den Titel in sein Heimatland.

Das 120-Millionen-Zuschauer-Spektakel in Düsseldorf vor zwei Jahren markierte einen, wenn nicht den Höhepunkt seiner Karriere. Stefan Raab gibt sich allerdings nur sehr kurz mit Erfolgen zufrieden. Es müssen weitere, am besten noch größere folgen.

Doch wie das anstellen im Fernsehen, das so durchformatiert, ja teilweise verkrustet ist, dass es vom Immergleichen immer noch mehr produziert? Dem Moderator kam es in den Sinn, sich fernab der seichten Unterhaltung zu versuchen. Stefan Raab als politischer TV-Journalist – das ist nun etwas, das den wenigsten einfällt, wenn sie an den ehemaligen Metzger denken. Ehe man sich versah, lief im Programm seines Haussenders Pro Sieben, bei dem er Narrenfreiheit genießt, „Absolute Mehrheit“. Eine Polit-Talkshow am späten Abend, bei der es teils kunterbunt durcheinander geht, die aber bei den jungen Zuschauern Top-Werte erzielt. Damit gelang ihm das, was er wollte: „Politik wieder für die Jugend interessant zu machen.“

Kein Wunder, dass ihn Pro Sieben als vierten Moderator ins Kanzlerduell schickte. Das stieß zwar vor rund sechs Monaten bei Peer Steinbrück auf so gar keine Gegenliebe. Der SPD-Mann meinte, dass Politik noch immer ein „ernstes Geschäft“ sei und darum für Raab ungeeignet. Aber nachdem sich die Kanzlerin anderslautend geäußert hatte, sprach Steinbrück den denkwürdigen Satz: „Wenn Angela Merkel (...) auch mit Stefan Raab einverstanden ist, wird es so geschehen.“

Raab hätte nichts besseres passieren können, als mal wieder im Leben maßlos unterschätzt zu werden. Es war für ihn der größte Ansporn, die beiden Polit-Promis am Sonntagabend so richtig durch den Wolf zu drehen. Und dazu fletschte er seine unverkennbaren überkronten Zähne.

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