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Gericht lässt „Oma Gertrud“ laufen

Eine 87-Jährige kam als notorische Schwarzfahrerin in Untersuchungshaft und bewegte die Gemüter. Viele wollten ihr helfen. Nun ist die alte Dame wieder frei.

„Oma Gertrud“ im Wuppertaler Amtsgericht.
Caroline Seidel „Oma Gertrud“ im Wuppertaler Amtsgericht.

Die kleine Frau in der rosafarbenen Daunenjacke lacht verschmitzt in die Kameras, als sie den Gerichtssaal betritt: „Vielen Dank, das ist aber eine Ehre.“ Ihr schütteres, weißes Haar ist unfrisiert. Die 87-Jährige kommt geradewegs aus der Untersuchungshaft in einem Gefängnis in Gelsenkirchen. „Oma Gertrud“ bewegt die Gemüter, viele wollen der alten Dame mit der mageren Rente helfen.

Fünf Tage vor Heiligabend verhandelt das Wuppertaler Amtsgericht ihren Fall. Der Gerichtssaal ist voll. Der 87-Jährigen werden 22 Fälle von Schwarzfahren in Zügen der Deutschen Bahn vorgeworfen – Beförderungserschleichung nennen das die Juristen. Nicht zum ersten Mal ist sie deswegen vor Gericht, erst im Juni war sie zu 400 Euro Geldstrafe verurteilt worden. Die alte Dame ist sehr mobil und offensichtlich inzwischen obdachlos: „Ich schlafe mal da, mal da“, sagt sie. Schläft sie in den Zügen? Warum hat sie keine Sozialwohnung? Solche Fragen werden am Donnerstag nicht mehr geklärt.

Psychiater: Verdacht auf psychotisches Geschehen

Denn nun hat Psychiater Ulrich Lange das Wort und mit der guten Laune von „Oma Gertrud“ ist es schlagartig vorbei. Immer wieder unterbricht sie den Sachverständigen, herrscht ihn an, unterstellt ihm die Unwahrheit und sogar Demenz. Ihrem Verteidiger fällt es schwer, sie zu beruhigen.

Was der Gutachter da aus ihrem Seelenleben ausplaudert, missfällt der Frau, hatte sie sich selbst doch als körperlich und geistig fit eingestuft. Einerseits sei die rüstige Dame zwar „ganz pfiffig“ und habe seine versteckten Fragen nach ihrem inneren Zustand listig abgeblockt, erklärt der Psychiater. Andererseits seien ihre Ausführungen sprunghaft und wirr. „Man muss den Verdacht haben, dass ein psychotisches Geschehen da ist.“

Zweifel an Schuldfähigkeit

Er attestiert ihr eine Denk- und Konzentrationsstörung, ihr Verhalten sei für eine Frau ihres Alters „grenzwertig“. So habe sie von Stimmen berichtet, die im Gefängnis alle ihren Namen riefen. Und sie sei überzeugt, dass die Bundeskanzlerin Alte wie sie nach Polen abschieben wolle. Erhebliche Zweifel an der Schuld- und Verhandlungsfähigkeit, so lautet sein Fazit.

Darüber kann und will sich Amtsrichter Schlosser nicht hinwegsetzen: „Der Haftbefehl wird aufgehoben. Sie sind frei und können gehen.“