Eine Trauung der etwas anderen Art:

Hochzeit auf den ersten Blick

Würden Sie jemanden heiraten, den sie vorher noch nie gesehen haben? Genau dieses Experiment wagt nun der Fernsehsender Sat.1 mit einer neuen Show.

Werden sich in Zukunft Paare im Fernsehen vermählen, die sich nie zuvor gesehen haben?
Patrick Pleul Werden sich in Zukunft Paare im Fernsehen vermählen, die sich nie zuvor gesehen haben?

Dänemark ist - gemessen an der Einwohnerschaft - nur etwas größer als der Großraum Berlin. Aus dem kleinen Land kommen jedoch immer wieder sehr gute TV-Serien, beachtliche TV-Krimis und immer wieder verrückte Ideen. Die neueste Kreation setzt jetzt der Münchner Privatsender Sat.1 in eine deutsche Fassung um: "Hochzeit auf den ersten Blick" heißt sie und versteht sich im Grunde als eine Art Sozialexperiment zu Unterhaltungszwecken. Start ist an diesem Sonntag um 18 Uhr. Fünf Folgen sind geplant. Die für die deutschen Standesbeamten zuständige Akademie für Personenstandswesen sieht die Sendung kritisch.

Der Kern der Show: Acht paarungs- und heiratswillige Menschen, vier Männer und vier Frauen, wollen heiraten. Aber bis zum Gang zum Standesamt wissen sie nichts von ihrem Partner, dem sie das Ja-Wort geben können, aber nicht müssen. Darin erkennt der fachkundige Zuschauer schon, dass Sat.1 ein Sender ist, der zur Blindheit neigt, denn auch bei der Castingshow "The Voice of Germany" wählt die Jury die Kandidaten bei "blind auditions".

Und nun das: Sat.1 bemüht das Meinungsforschungsinstitut Forsa, um zur Feststellung zu kommen: «94 Prozent der Befragten glauben an die Liebe auf den zweiten Blick. Gute Aussichten für die acht Kandidaten», heißt es vom Sender - 1502 Frauen und Männer zwischen 18 und 69 wurden befragt. Zwar meinen 98 Prozent von ihnen, es sei für sie undenkbar, ihren künftigen Partner erst auf dem Standesamt kennenzulernen. Aber jeder vierte, so trägt Sat.1 die Ergebnisse als Untermauerung für seine Show nach außen, denkt, dass das Experiment gelingen könnte. Die Lotterie fürs Leben kann also beginnen.

Auch eine Eheschließung vor der Kamera ist rechtsgültig

Damit die Showteilnehmer über ihre kommenden besseren Hälften der nächsten Jahrzehnte gut Bescheid wissen, muss jeder von ihnen Daten ausspucken, was das Zeug hält. Eine Psychotherapeutin checkt die acht auf Unverträglichkeiten, alle würden "gereifter aus dem Prozess herausgehen", sagt Sandra Kohldörfer im Sat.1-Interview. Ein Wohnpsychologe ist ebenso eingeschaltet wie eine Paar-Therapeutin. Wenn die Ehe vor den Kameras geschlossen wird, sei sie rechtsgültig, unterstreicht ein Sat.1-Sprecher. Dann folgen die üblichen Flitterwochen. Wer sich danach gegen die Ehe entschließe, müsse sich scheiden lassen wie andere Paare auch und ebenso die Konsequenzen tragen.

Die in Bad Salzschlirf (Hessen) ansässige Akademie für Personenstandswesen hegt so ihre Zweifel. Unter vielen Standesbeamten (30 000 gibt es in Deutschland) sei darüber diskutiert worden. Eine abschließende Meinungsbildung sei aber nicht erfolgt, sagte der Studienleiter Gerhard Bangert der Nachrichtenagentur dpa. "Im Bürgerlichen Gesetzbuch steht, dass Verheiratete füreinander Verantwortung tragen." Dies sei bei dem TV-Format fraglich, auch ob sich die Teilnehmer darüber wirklich bewusst seien. Nicht geklärt sei auch, was in einem möglichen Sterbefall passiere: "Sind dann die Erbschaftsfrage und eventuelle Unterhaltsansprüche geklärt?", so Bangert.

Am späten Sonntagnachmittag präsentierte bei Sat.1 bislang die TV-Detektivin Julia Leischik ihre Sendung «Julia Leischik sucht: Bitte melde dich». Wenn sie mit einer neuen Staffel wieder ins Programm zurückkehrt, wird sie hoffentlich nicht nach Personen fahnden müssen, die nach einer übereilten TV-Hochzeit haben Reißaus nehmen müssen und spurlos verschwunden sind.