Werbe-Skandal:

Louis Vuitton muss den Koffer packen

Ein riesiger Werbepavillon auf dem Roten Platz sorgt für Empörung in Moskau. Der Kreml befiehlt die sofortige Demontage des Mega-Koffers. Die Verantwortung will niemand übernehmen.

„Er beschädigt das Ansehen“ oder ist „eine Verhöhnung russischer Staatssymbole“ Da sind sich die Russen einig: der Riesenkoffer muss weg. Und sowieso passt er besser in den Gorki-Park.
Sergei Ilnitsky „Er beschädigt das Ansehen“ oder ist „eine Verhöhnung russischer Staatssymbole“ Da sind sich die Russen einig: der Riesenkoffer muss weg. Und sowieso passt er besser in den Gorki-Park.

Für Moskaus Denkmalschützer ist es ein Schock, und Touristen in der größten Stadt Europas reiben sich verwundert die Augen. Mitten auf dem historischen Roten Platz versperrt ein riesiger gelbbrauner Koffer den Blick auf Zwiebeltürme und Kremlzinnen. Die gigantische Kiste ist der Werbepavillon eines Modeunternehmens – und eine „riesige Sauerei“, wie Kommunistenchef Gennadi Sjuganow den Aufbau direkt am Mausoleum von Revolutionsführer Lenin nennt. Auch der Kreml zeigt keine Toleranz: Sofort müsse der zehn Meter hohe und 34 Meter lange Koffer aus der malerischen Kulisse entfernt werden, befiehlt ein Mitarbeiter von Präsident Putin.

Sonst finden hier nur Staatsereignisse statt

Der Rote Platz gilt als der mit Abstand wichtigste Platz Russlands. Alljährlich am 9. Mai feiert hier die Staatsspitze mit Veteranen den Sieg der Sowjetunion über Hitler-Deutschland 1945. Nur selten werden Großereignisse mit Publikum erlaubt, wie vor Kurzem ein Konzert der Operndiva Anna Netrebko.

Den umstrittenen Pavillon hat das Modeunternehmen Louis Vuitton erst vor wenigen Tagen aufstellen lassen – in Zusammenarbeit mit dem benachbarten Nobelkaufhaus GUM. Bis zum 19. Januar sollte in dem begehbaren Koffer eine Ausstellung zu sehen sein, deren Erlös einer Stiftung zugutekommt. Doch auch die Verwaltung des GUM fordert nun den sofortigen Abbau. Die Konstruktion sei größer als vereinbart, zudem müsse Rücksicht genommen werden „auf die Gefühle in Teilen der Gesellschaft“, sagt ein Sprecher des berühmten Einkaufstempels.

Der Aufschrei eint die Russen

Der Aufschrei vieler Moskauer ist groß – auch im Internet. Zwar sind die Bewohner der Metropole Werbung auf Schritt und Tritt gewöhnt. „Aber dies ist eine Verhöhnung russischer Staatssymbole“, schreibt etwa „Dmitri89“. Und der User „vladMKB“ meint: „Das beschädigt das Ansehen des Roten Platzes.“ Für den russischen PR-Experten Ilja Koroljow ist der Riesenkoffer ein Beweis für eine immer aggressivere Politik von Unternehmen in der teuersten Stadt Europas. „In Millionenstädten wie Moskau oder Berlin muss Werbung immer kreativer werden, um der Reizüberflutung zu entgehen“, sagt Koroljow dem Radiosender Echo Moskwy.

In seltener Eintracht schimpfen nun Moskauer Denkmalschützer, Politiker und der Kreml über den Fremdkörper auf dem Roten Platz. Die Verantwortung will jedoch keiner übernehmen. „Wir sind für Bauten auf dem Roten Platz nicht zuständig“, teilt etwa die Stadtverwaltung von Moskau mit. Und der Kreml betont: „Die Errichtung wurde nicht mit dem Präsidialamt abgesprochen.“ Vielleicht sei die Montage ja ein „Missverständnis“ gewesen, sagt indes ein Abteilungsleiter der Stadtverwaltung. Der Koffer passe sowieso besser in den Gorki-Park.

Koffer wird abgebaut

Für die kremlkritische Zeitung „Nowaja Gaseta“ ist der Pavillon ein Beispiel für die „offenkundige Zerstörung des Kulturerbes der Stadt“. In Moskau mit geschätzten 14 Millionen Einwohnern sei der „schnelle Rubel“ wichtiger als geschichtsträchtige Bauten. Für Schmiergelder werde jede noch so große Sünde genehmigt.

Der Oppositionelle Gennadi Gudkow meint, der Koffer habe kaum ohne Zustimmung aus dem Kreml aufgestellt werden können. Immerhin gehöre der Rote Platz zu den bestbewachten Orten Russlands. Sicherheitskräfte hätten tagelang wegschauen müssen. „Das einzig Positive an diesem Skandal ist, dass der Kreml wenigstens einmal auf die öffentliche Meinung hört“, sagt Gudkow. Wenige Stunden nach der Kreml-Kritik begann der Abbau des Koffers.

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