Pablo, der Gaucho:

Romantik pur im Rinderland

Klar kennt Pablo Carlos Gardel. Auch den weltgrößten Friedhof La Recoleta in Buenos Aires, wo in einem Mausoleum der Sarg des 1935 verstorbenen argentinischen Tangostars liegt.

In einer der vielen Tangobars wie der berühmten "Almacen", sei er aber noch nie gewesen. "Tanzen? Ist nicht mein Ding", winkt der 21-jährige Naturbursche ab. Bei jedem Zahnspangen-Teenager würde er glatt als potentieller Showstar durchgehen. Und irgendwie ist er das auch. Gut, das glamouröse Hollywoodimage amerikanischer Westernhelden eilt ihm nicht voraus. Pablo ist nämlich Gaucho. Aber nicht nur - er ist auch Kunstreiter.

Sein Bandoneón seien die Zügel, sein Tanz das Galoppieren der Pferde, sagt er, legt zwei dicke Decken auf seinen Rappen und befestigt darauf den Sattel. "Ist angenehmer für das Pferd", murmelt Pablo. Als er sich die Baskenmütze über das Ohr schiebt, huscht ein zufriedenes Lächeln über das braun gebrannte Gesicht. Mit Schule und Ausbildung habe er nichts am Hut: "Du wirst sein, was du werden sollst, oder gar nichts." Hier draußen nahe dem Kolonialstädtchen San Antonio, nur 120 Kilometer vom Zwölf-Millionen-Monster Buenos Aires entfernt, habe er auf Senora Evas "Hacienda El Ombú de Areco" 15 000 Linienbusse und 20 Millionen Pendler, die sich täglich durch die Stadt schieben, gegen ein Pferd, ein Rudel Hunde und 450 Rinder eingetauscht. Im Frühjahr und Herbst kommt Gesellschaft von Touristen hinzu. So wie heute.

Zwar sind die Wollschärpen mit Silbermünzen und Medaillons, die Pluderhosen, Halstücher und Lederstiefel mit schweren Sporen der fünf Gauchos auf Senora Evas "Estancia", ihrer Farm, keine Maskerade für Romantik hungrige Großstädter. Die Zeit, als die geschickten Reiter die riesigen Weideflächen Argentiniens als freie Männer durchstreiften ist aber vorbei. Auch für die deutsche Einwanderin hat der Alltag auf ihrem Landsitz mit dem Charme von 1890 längst ein anderes Gesicht. Für ein Rind klingeln gerade einmal 800 US-Dollar in der Kasse. Darum hat die Gutsherrin die Ranch zu einem Zentrum für Gaucho-Kultur mit zwölf rustikal-gemütlichen Landzimmern erweitert.

Im Schatten von 500 Jahre alten Bäumen ist ein langer Holztisch ist mit Weinflaschen, mit argentinischen Rostbraten und Steaks gedeckt, dem fettärmsten und vermutlich besten Fleisch der Welt. Kein Wunder, dass in einem Land, in dem auf einen Menschen eineinhalb Rindviecher kommen und jährlich pro Kopf 60 Kilogramm Rindfleisch verzehrt werden, selbst Fleischmuffel manchmal in Versuchung kommen. Beim traditionellen "Asado", dem Grillen, bereitet die Senora ein Dutzend "Greenhörner" aus Europa auf ihren Ausritt in die argentinische Steppe vor. Ein Hauch alter Gaucho-Herrlichkeit liegt über dem Ranchgarten. Zwischen Herrenhaus und Ställen ist Platz, um Träumen nachzuhängen und für ein paar Stunden selbst ein argentinischer Cowboy zu sein.

"Gaucho" leite sich aus der Sprache der Quechua-Indianer ab, bedeute "Waise" oder "streunendes Kalb", erklärt die Senora. Im 17. Jahrhundert waren Gauchos keines Herrn Knecht und keines Knechtes Herren, zogen frei wie Vögel durch das Land und boten nach Lust und Laune ihre Dienste auf den Estancias an. Sie trieben Wildrinder ein, gerbten Leder, schlachteten Vieh und verhökerten Tierhäute. 200 Jahre später, als Landbesitzer und Industrielle Viehzucht und Lederverarbeitung übernahmen und sich die ersten Weidezäune den Raubeinen in den Weg stellten, war für die Cowboys das zügellose Leben zu Ende. Entweder sie arbeiteten für einen Viehbaron oder wurden wegen "Landstreicherei" zum Militärdienst verpflichtet.

Für Pablos Freund Oscar Pereyra ist das Heute ein bisschen wie gestern. Zwei Jahre drückte der 69-Jährige die Schulbank, dann wechselte er aufs Pferd. Wenn der kleine drahtige Mann gebeugt über das Farmgelände schlurft, sieht das aus, als wären ihm Hexenschuss und Gichtattacke soeben zeitgleich in die Knochen gefahren. Später wird der Mann mit den großen traurigen Augen im Sattel eine weitaus bessere Figur machen.

Vor 50 Jahren war er einer der letzten Gauchos, die von Arbeit zu Arbeit, von Farm zu Farm durch das grüne unermesslich weite Land am Rio de la Plata zogen. Abends singt Oscar zur Gitarre melancholische Balladen und Lieder. Die hat er in seinen wilden Tagen am Lagerfeuer gelernt. Damals, als das Geld oft nicht reichte und die Gauchos sich wegen nicht bezahlter Zechen und Gaunereien beim Kartenspiel prügelten oder erbittert um die Gunst einer schönen Frau rauften. Das war dann aller Ehren wert und ließ die Raufbolde später unter freiem Himmel oder in einem spartanischen Nachtquartier stolz und ruhig einschlafen.

Von seinen "Wanderjahren" und der Ära der ungezähmten Reiter, Messerhelden und Jäger erzählt Oscar seinen "Privatgästen" in seiner Unterkunft. Dort serviert der alte Haudegen zuerst den traditionellen südamerikanischen "Mate", einen mineral- und vitaminreichen grünlichen Aufgusstee aus den Blättern einer Stechpalme. Anschließend nimmt er seine Gäste mit in ein Abenteuerland, das einst nur ein paar Pferdelängen entfernt vor der Estancia begann.

Noch spannender und authentisch zugleich ist es freilich, selbst hoch zu Ross über das scheinbar endlose Weideland zu traben - oder zu galoppieren. Je nach Reitkunst. Begleitet von vier Gauchos reitet der touristische Tross der Mittagssonne entgegen. High Noon in der Pampa. Oben der stahlblaue Himmel, unten das im Herbst nicht mehr ganz so grüne Gras und am Horizont 1000 schwarze Punkte. Eine Rinderherde. Von hinten prescht Pablo heran. "Wer will, kommt mit mir", gibt der Guide das Zeichen. Einige wollen nicht. Für die anderen heißt es, mit der Zunge schnalzen, Zügel lockern, aber fest im Griff haben, und mit angelegten Beinen aufrecht federnd im Sattel sitzen. Während das versprengte Häuflein die gemächlich dahin trabenden Lonesome Cowboys zurück lässt, rollt eine gewaltige Staubwolke auf die Reiter zu. Knapp 50 Meter vor der Gruppe biegt der tierische Pulk plötzlich nach links ab und platscht durch das braune Wasser eines kleinen Flusses. Rind für Rind stemmt sich die Herde das Ufer

hinauf. Nach einer Zigarettenlänge ist das Schauspiel vorbei. Bald verschwindet der staubige Treck wie ein graues Wollknäuel in der Weite der fruchtbaren Pampa, die mehr als ein Viertel der Fläche Argentiniens bedeckt. "Du spuckst hier hin und schon wächst was", sagt Pablo.

Allmählich hüllen leuchtende Farbstreifen am Himmel die Prärie in ein oranges und violettes Licht. Wie einst John Wayne und Randolph Scott reiten die Freizeitgauchos einem roten Sonnenball entgegen. Manchmal werden Klischees wahr.

Wenn die Sonne untergeht, geht der Stern von Pablo, Oscar & Co. auf: Showtime in der Reitarena hinter der Farm. Angeführt von "Boss" Ramón Castro treiben die Reiter Bullen und Kälber in das riesige Geviert und demonstrieren ihr Geschick im Lassowerfen. Dann richten sich alle Augen auf einen kleinen Ring, der am Bändchen befestigt von einem Balken hängt.

Ramón zügelt sein tänzelndes Pferd. In seiner rechten Hand hält er einen winzigen Metallstab. Noch einmal bäumt sich die Stute auf, dann prescht der Gaucho in halsbrecherischem Galopp auf das kleine glitzernde Etwas zu. Mit scharfem Auge und sicherer Hand trifft Ramón den Ring und löst ihn vom Balken. Bravo, Hut ab, und Applaus! Früher überreichte der Sieger seiner Liebsten den Ring - heute Abend dürfen sich viele Herzensdamen über Ramóns "Trophäen" freuen.

Und was macht Oscar? Der hat beim Reiterspiel "El Pato" sein Wurfgerät sicher im Griff. Ein Ball mit vier Schlaufen muss von zwei Mannschaften in eine Art Basketball-Korb geworfen werden. Sind hier bei 40 Stundenkilometern schnelle Reaktion sowie Geschmeidigkeit bei Tier und Reiter gefragt, benötigt Pablo für sein Dressurstück die absolute Zuneigung und das Vertrauen seines Pferdes. Leise, fast beschwörend spricht er auf "Tero" ein. Langsam geht der Rappe in die Knie, legt sich auf die Seite und sogar auf den Rücken. Vorsichtig bewegt Pablo die Beine des Pferdes in die Höhe, setzt sich dann auf den Bauch des Tieres und drückt seinen Kopf an den seines "Freundes".

Als sich erste Nebelbänder über das Weideland legen, geht ein langer Arbeitstag für die Gauchos zu Ende. Ein Tag, der sich so oder ähnlich noch Dutzende Male im Jahr wiederholen wird. Pablo striegelt sein Pferd und kühlt es mit einem Schlauch ab. Nur das Spritzen des Wassers und das wohlige Schnauben von "Tero" mischen sich in die abendliche Stille auf der Hazienda.

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