Vegane Premiere auf dem Oktoberfest:

„Veggie“-Wiesn: Erstmals gibt es auch vegane Gerichte

Sechs Millionen Besucher kommen alljährlich zum Oktoberfest, trinken Tausende Hektoliter Bier und essen tonnenweise Fleisch. Aber auch auf der Wiesn weht nun erstmals veganer Wind.

Im Ammer-Festzelt gibt es Wiesn-Hendl (re.), aber auch veganes Hühnerfrikassee. Zwei Festzeltbetreiber bieten dieses Jahr auf dem Oktoberfest vegane Gerichte an.
Tobias Hase Im Ammer-Festzelt gibt es Wiesn-Hendl (re.), aber auch veganes Hühnerfrikassee. Zwei Festzeltbetreiber bieten dieses Jahr auf dem Oktoberfest vegane Gerichte an.

Hendl, ganze Ochsen, Kälber und Würste von einem halben Meter Länge: Das Münchner Oktoberfest ist ein Schlaraffenland für Fleischesser. Aber die Zeiten ändern sich. Erstmals bieten zwei Wiesn-Wirte vegane Gerichte an. In der Enten- und Hühnerbraterei Ammer gibt es veganes Bio-Hühner-Frikassee. Im Herzkasperlzelt auf der Oidn Wiesn werden Sojamedaillons in Rahmsoße und vegane Käs-Spätzle serviert. Jeweils ohne Käse, Rahm oder Huhn. Im Fisch-Bäda-Zelt gibt es zudem veganen Rotwein, gefiltert ohne tierische Eiweiße. „Wenn die Leute veganes Essen auf der Wiesn haben wollen, sollen sie es bekommen“, sagt Wiesnchef Dieter Reiter (SPD). Als Münchner Wirtschaftsreferent betrachtet er die Sache vorwiegend von der ökonomischen Seite. „Der Markt wird es schnell entscheiden, ob es auch nächstes Jahr veganes Essen gibt.“

Der Vegetarierbund Deutschland sieht ein Signal für eine gesellschaftliche Veränderung. „Das ist ein sehr positives Zeichen, dass es auf der Wiesn veganes Essen gibt“, sagt Vebu-Sprecherin Stephanie Stragies. „Auch vegetarisch und vegan lebende Menschen feiern gern.“

Die Gruppe der Veganer wächst. Sie essen im Unterschied zu Vegetariern auch keine Tierprodukte wie Milch und Eier. Rund 800 000 der sieben Millionen Vegetarier in Deutschland essen vegan, wie laut Stragies eine Studie ergab. „Es ist ein zunehmendes Bewusstsein da für die Themen, die sich damit verbinden: Umweltschutz, Klimaschutz, Gesundheit.“ Auch die Zahl veganer Kochbücher spiegele die Entwicklung.

Auch Bier ist vegan

Gastronomen spüren den Trend seit längerem. Claudia Trott, Geschäftsführerin beim Ammer und dem zugehörigen Ganzjahresbetrieb Schlosscafé in München, sagt, dort werde bei jeder dritten bis vierten Veranstaltung auch veganes Essen bestellt. Veganer sagten, dass sie sich ihr Essen nicht immer in der Frischhaltebox mitbringen wollten. Das gab den Anstoß für das Wiesn-Gericht. Im Herzkasperlzelt war der Sohn von Wirt Beppi Bachmeier Ideengeber. Er lernt in einem veganen Restaurant in München Koch und gab die Anregung. Der Sprecher der Wiesn-Wirte, Toni Roiderer, einer Metzgerfamilie entstammend, sieht nicht unbedingt Bedarf für vegetarische oder vegane Gerichte auf dem Oktoberfest. „Bier, Brezn, Radieserl, Radi – das ist wunderbar“, sagt er. Roiderer und Wiesnchef Reiter verweisen darauf, dass auch Bier vegan sei. „Insofern gibt es mehr Veganer auf der Wiesn als man denkt“, betont Reiter.

Das gilt aber eben nur fürs Bier. Mehr als eine halbe Million Hühner, 116 Ochsen, 85 Kälber, 115 000 Paar Schweinswürste und fast 59 000 Schweinshaxen landeten im vergangenen Jahr auf den Tellern. Übrig blieben 400 Tonnen Reste und Knochen. Vegetarier und Veganer demonstrierten vor dem Vegetariertag 2012 in München, um Wiesngäste und Wirte zum Umdenken anzuregen.

Ersatz für tierische Zutaten sind Soja, Sojamilch und pflanzliche Fette. Warum aber müssen Spätzle ohne Käse Käsespätzle heißen, und Frikassee ohne Huhn Hühner-Frikassee? Vielleicht, weil sich Besucher sonst nicht vorstellen können, was sie auf dem Teller finden. Außerdem ist die Hühner- und Entenbraterei bekannt für ihre Hendl, die sie als erster Wiesn-Betrieb aus Öko-Landwirtschaft bezog. So muss das Huhn wohl wenigstens den Namen fürs Gericht geben.

Die Resonanz sei hervorragend, heißt es beim Ammer und beim Herzkasperlzelt. „Es wird toll angenommen“, sagt Corinna Spitzer, die seit 17 Jahren auf der Wiesn bedient. Das Essen bestellen Veganer, Gäste mit Lactose-Intoleranz – und Neugierige.