Polizei ermittelt in Richtung Kult

War Londoner Sklaverei die Tat einer Sekte?

Nach Angaben der Polizei lässt sich der Fall von moderner Sklaverei in der britischen Hauptstadt nicht mit normalen Maßstäben messen. Experten halten den Fall nur für die Spitze eines Eisbergs.

Polizisten sichern ein Haus in Süd-London. Hier ermitteln Beamte im Fall der befreiten Sklavinnen.
Facundo Arrizabalaga Polizisten sichern ein Haus in Süd-London. Hier ermitteln Beamte im Fall der befreiten Sklavinnen.

Im jüngsten Sklaverei-Skandal geht die Londoner Polizei nach Informationen der Zeitung „Guardian“ einer Spur nach, die auf einen halb-religiösen Sektenkult hindeutet. Zwei Quellen, die mit dem Fall betraut seien, hätten die Ermittlungen in diese Richtung bestätigt, schreibt der „Guardian“ in seiner Samstagausgabe. Drei Frauen im Alter von 30, 57 und 69 Jahren wurden von einem Ehepaar im Alter von 67 Jahren mehr als 30 Jahre lang in einem Haus in London festgehalten.

"Wir müssen endlich aufwachen"

Der Londoner Fall sei nur „die Spitze eines ziemlich großen Eisbergs“, sagte der Unterhaus-Abgeordnete Frank Field am Samstag der BBC. Field ist Vorsitzender eines Parlamentsausschusses, der ein Anti-Sklaverei-Gesetz im Parlament vorbereitet. Mit Versklavung, Menschenhandel und Zwangsarbeit würden in Großbritannien große Geldsummen verdient. Die Spanne reiche von Zwangsarbeit in industriell arbeitenden Betrieben bis zu Bettler-Gangs, die ins Land gebracht würden. Die Opfer hätten oft keinerlei Möglichkeiten sich verständlich zu machen, seien der englischen Sprache nicht mächtig und von den Polizeimethoden in ihren Heimatländern auch vom Gang zu den Behörden abgeschreckt. „Es gibt eine ganze Palette von Themen und wir müssen endlich aufwachen“, sagte er.

Dieser Fall unterscheidet sich von allen anderen

Scotland Yard hatte bereits am Freitag erklärt, der Fall passe nicht in das Schema von Menschenhandel, Zwangsarbeit und Sklaverei, das von anderen Fällen bekannt sei. Es handele sich um ein komplexes Bild. „Unsere Experten haben über die Jahre beträchtliche Erfahrungen gesammelt, von dem, was Menschen bereit sind zu tun, um andere auszubeuten“, sagte Steve Rodhouse von Scotland Yard. „Sie unterscheiden sich von diesem Fall“, sagte er. Nach Informationen des „Guardian“ wird geprüft, ob die 30-Jährige die Tochter der 57 Jahre alten Irin ist. Es gebe auch Hinweise darauf, dass der 67 Jahre alte Mann, der Vater der 30-Jährigen sein könnte. Die junge Frau hatte offenbar nie eine geregelte Schulbildung erhalten. Sie werde jedoch von Experten nach ihrer Befreiung als „intelligent“ beschrieben. Sie sei auch des Lesens und Schreibens mächtig.

Sozialamt war über Probleme informiert

Die Polizei prüfe auch, warum die 30-Jährige, die nach bisherigen Informationen ihr gesamtes Leben in Gefangenschaft verbracht hat, nicht vom sozialen Netz in Großbritannien aufgefangen wurde, schreibt die Zeitung weiter. Ihre Geburt sei offiziell registriert worden, es gebe aber keine Aufzeichnungen über die in Großbritannien üblichen Hausbesuche von Hebammen und Sozialarbeitern.

Wie die Sonntagszeitung „Observer“ schreibt, sei das örtliche Sozialamt über Probleme in dem Haushalt informiert gewesen. Die Behörden konnten demnach jedoch nicht eingreifen, weil die Opfer dies ablehnten. Nach Darstellung von Zeugen soll es zu „Gewaltexplosionen“ gekommen sein. Auch über einen früheren Fluchtversuch wurde berichtet.