Ein Besuch in der Weihnachtspostfiliale:

Wo der Weihnachtsmann wohnt

Den Weihnachtsmann, den gibt‘s doch gar nicht. Früher oder später werden wir alle mit dieser fantasielosen Gewissheit konfrontiert. Ein kleiner Ort bei Fürstenberg jedoch lebt die Illusion, und mit ihm Kinder auf der ganzen Welt.

Da ist er - der richtige, echte Weihnachtsmann. Und wo wohnt er? Na klar, in Himmelpfort!
Robert Kiesel Da ist er - der richtige, echte Weihnachtsmann. Und wo wohnt er? Na klar, in Himmelpfort!

Wo andere Dörfer eine Ortseinfahrt haben, hat Himmelpfort eine Einflugschneise. Markiert mit rot leuchtenden Sternen an den Straßenlaternen, verstärkt durch geschmückte Vorgärten und hell erleuchtete Fenster weist sie einem altbekannten Mann den Weg, den viele in die schillernde Welt der Kinderträume abschieben wollen. Aber es gibt ihn doch, den Weihnachtsmann, und in Himmelpfort hat er eine Art zweites Zuhause gefunden.

„Ja das ist schon so“, sagt ein Rauschebart in rotem Gewand, der ganz ohne Zweifel der leibhaftige Weihnachtsmann sein muss. Die knollige Nase, das freundliche Gesicht, dazu ein rundlicher Oberkörper, der seiner tiefen Bassstimme die nötige Resonanz verschafft. „Jedes Jahr, wenn ich mich vom Nordpol aus auf den Weg mache, freue ich mich auf Himmelpfort“, so der vor Ruhe strotzende Herr, welcher von nun an als Weihnachtsmann zitiert wird.

Ist er es denn wirklich?

Wo die Rentiere denn sind? „Na am Waldesrand.“ Wie die Rentiere denn fliegen? „Na wegen des Weihnachtszaubers.“ Wo denn die Geschenke herkommen? „Na aus meiner Spielzeugmaschine.“ Keine Frage, der leibhaftige Weihnachtsmann, er wohnt in Himmelpfort.

Nun ist es aber nicht so, als käme er in den von vier Seen beinahe zur Insel gemachten Ort, um in der Abgeschiedenheit den ihm gewidmeten Weihnachtstrubel genüsslich zu beobachten. Weihnachten bedeutet Arbeit, auch für den Weihnachtsmann. „Die Wünsche der Kinder wollen doch erfüllt werden“, erinnert er an seine ureigene Mission. Und weil die an ihn gerichteten Wunschzettel nun mal in Himmelpfort ankämen, müsse auch der Weihnachtsmann vor Ort sein. Ihm zur Seite stehen 20 Weihnachtsengel, die alle Hände voll zu tun haben. 8000 bis 10 000 gemalte oder gebastelte, in jedem Fall mit großen Hoffnungen verbundene Wunschzettel erreichen die Postfiliale von November an täglich. Der weihnachtsmännische Anspruch lautet: Jeder Brief wird beantwortet, basta!

Und so kommt es, dass die arbeitsame Ruhe in der Postfiliale nur durch das monotone und taktgebende Pochen des Poststempels gestört wird. Der wiederum ist auf allen Antwortschreiben der gleiche, ganz im Gegensatz zum Inhalt der Briefe. Der Weihnachtsmann und seine Engelchen, sie können es glatt mit einer Agentur für Fremdsprachenkorrespondenten aufnehmen. „In 17 Sprachen antworten wir mittlerweile“, erklärt der Weihnachtsmann. Selbst in die fremde Welt der chinesischen Schriftzeichen hätten sie sich schon reingefuchst. In der Weltkarte neben seinem massiven Arbeitstisch stecken knapp 70 Nadeln, jede für ein Herkunftsland der Wunschzettel. Denn ob der aus Pakistan oder Polen kommt, er wird natürlich trotzdem beantwortet! Ob das auch für jeden Wunsch gelte, ist eine Frage der Technik. „Meine Spielzeugmaschine ist ja schon etwas älter“, sagt der Weihnachtsmann. „In den allermeisten Fällen spuckt sie aber schon das Richtige aus.“ Vom Puppenhaus bis zur „Lego-Hero-Figur“, „die Spielzeugmaschine ist flexibel.“

Wer hat’s erfunden? Konnis Engel-Geschichte

Flexibel müssen auch die Nachbarn des weltweit berühmten Wahl-Himmelpforters sein. Etwa 450 Einwohner zählt der kleine Ort. An Adventswochenenden kommt teilweise das Zehnfache an Gästen – an einem Tag versteht sich. „Da ist dann richtig was los hier“, erklärt Karl-Heinz Schulze, der am Rande der Einflugschneise, auch bekannt unter dem Straßennamen „Zur Hasenheide“, wohnt. Um dem größtenteils motorisierten Besucheransturm Herr zu werden, ist dann schon mal die helfende Hand der Freiwilligen Feuerwehren Himmelpfort und Bredereiche nötig. „Ansonsten geht hier gar nichts mehr“, so Schulze. Ihn stört der Trubel in dem an sich ruhigen Örtchen aber nicht. „Erholen können wir uns schließlich unter der Woche“, sagt der Himmelpforter. Der beschauliche Ort profitiere doch spürbar von dem Weihnachtshype.

Das sieht auch Lothar Kliesch (SPD) so. Er ist Ortsvorsteher von Himmelpfort und könnte sich einen besseren Werbeträger für seine Gemeinde kaum wünschen. „Himmelpfort ist durch die Weihnachtspostfiliale zur Marke geworden“, sagt Kliesch. Die Gaststätten, die zahlreichen Ferienhausvermieter in dem traditionellen Urlauberdorf und darüber hinaus, alle profitierten extrem von dem bundesweit ausstrahlenden Ruf der Wunschzetteladresse. Knapp 25 000 Besucher statteten dem Ort allein zwischen November und Weihnachten einen Besuch ab, nicht wenige kämen im Sommerurlaub erneut vorbei.

Begründet hat den ganzen Trubel um Santa Claus und seine Helfer im Übrigen eine Dame, die bei Wind und Wetter die Briefkästen der Himmelpforter befüllt, heute aber bescheiden als Weihnachtsengel Konni dem Weihnachtsmann zur Hand geht. Die Zustellerin war es, die 1984 zwei an den Weihnachtsmann in Himmelpfort adressierte Wunschzettel aus Sachsen und Berlin nicht etwa mit dem Vermerk „Empfänger unbekannt“ zurückschickte, sondern selbst beantwortete. Jahr für Jahr stieg die Zahl der Wunschzettel an, bis die Dimensionen die „Nebenbeschäftigung Weihnachtsfrau“ sprengte. Zeit für das Schwelgen in Erinnerungen hatte sie in den vergangenen Wochen jedoch nicht. Über 300 000 Wunschzettel erreichten die  Weihnachtspostfiliale. Ein neuer Rekordwert – fast müßig zu erwähnen.  Der Weihnachtsmann indes hat die Rentiere schon angespannt und den Schlitten bepackt.