Gerichts-Prozess:

Zahnarzt filmt seine Angestellten in der Umkleidekabine

Die Angestellten hatten ein unbehagliches Gefühl. Nun haben sie Gewissheit: Ihr Chef hat von ihnen intime Aufnahmen gemacht. Dafür verantwortet er sich jetzt vor Gericht.

Der angeklagte Zahnarzt (r.) im Verhandlungssaal des Amtsgerichtes in Gera (Thüringen) neben seinem Rechtsanwalt.
Bodo Schackow Der angeklagte Zahnarzt (r.) im Verhandlungssaal des Amtsgerichtes in Gera (Thüringen) neben seinem Rechtsanwalt.

Die junge Auszubildende hatte gleich ein mulmiges Gefühl. Nur in einem bestimmten Raum dürfe sie sich umziehen und könne dort auch duschen, habe ihr der Zahnarzt gesagt. Nach nur einem Monat sei ihr gekündigt worden – weil sie sich auf der Toilette umzog oder in Arbeitskleidung in die Praxis kam, wie die 22-Jährige vermutet. Eine langjährige Angestellte berichtete, dass der Arzt seine Mitarbeiterinnen auch zum Duschen gezwungen habe.

„Im Nachhinein wissen wir ja warum“, sagte sie vor dem Amtsgericht Gera. Denn in dem Umkleideraum mit Dusche war eine Kamera versteckt, die dem heute 52-Jährigen jahrelang intime Aufnahmen mehrerer Frauen geliefert haben soll.

Knapp 7500 Dateien haben Kriminalisten auf dem Rechner des Mannes gefunden oder wiederstellen können. Die ältesten stammen nach Angaben eines Kripobeamten aus dem Jahr 2007. Die Anlage sei im Frühjahr 2012 so gefunden worden, dass eine Art Bewegungsmelder die Aufnahmen steuerte, erläuterte der Experte.

Auch berufsrechtliches Verfahren droht

Auf den Clips sei der Blickwinkel teils so gewesen, dass der Po der Frauen im Fokus stand; und teils auf einen Spiegel, so dass sie von hinten und vorn zu sehen waren. „Wir konnten auch nachweisen, dass diese Dateien über den Media Player angeschaut worden sind“, sagte der 44-Jährige. Hinweise, dass sie ins Internet übertragen wurden, gebe es aber nicht. Und noch etwas wurde aus den Schilderungen des Ermittlers deutlich. So wie andere Menschen ihre Briefmarken sortieren, hat der Zahnarzt die intimen Aufnahmen fein säuberlich geordnet: „Es wurde ausgesucht und selektiert.“

Die technischen Schilderungen zur Funktionsweise der Videoanlage ließen Gericht sowie Staatsanwaltschaft und Nebenklage am Freitag hellhörig werden. Denn demnach könnte die Videoaufnahme häufiger als bisher vermutet von dem Arzt direkt eingeschaltet worden sein – teils mehrmals am Tag. Neben einer Verurteilung droht dem Arzt, der weiterhin in Gera praktiziert, auch ein berufsrechtliches Verfahren. „Wir werden aber erst tätig, wenn das Urteil rechtskräftig ist“, sagte der Geschäftsführer der Landeszahnärztekammer, Henning Neukötter.

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