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Baumathlet mit Hang zur Lyrik

VonRainer MartenEines Tages wurden die Pappeln abgeholzt. Und Krackow verlor seine geschnitzten Baumgeister, die Rainer Oertel in der Region bekannt machten. ...

VonRainer Marten

Eines Tages wurden die Pappeln abgeholzt. Und Krackow verlor seine geschnitzten Baumgeister, die Rainer Oertel in der Region bekannt machten. Jetzt dichtet der Garten- und Landschaftsbauer – ohne sein Unternehmen ganz aus dem Blick zu verlieren.

Grünz.Welches Herz schlägt stärker in der Brust von Rainer Oertel? Das eines Garten- und Landschaftsbauers oder das eines Begabten, der sich auch in der Holzbildhauerei und nun in der Lyrik versucht? Mal ist eine Seite stärker als die andere, deutet Rainer Oertel an. In diesen Tagen allerdings scheinen sich beide Seiten die Waage zu halten. Der in Göhren auf Rügen geborene Randberliner mit Wahlheimat in Grünz freut sich über 20 Jahre Arbeit als Einzelunternehmer. Und er freut sich auf sein erstes Buch: Der Neubrandenburger Spica-Verlag bereitet derzeit die Herausgabe seines Lyrikbandes „Das heilige Hahnenei“ vor.
Wie es im Leben so ist:
Am Ende kommt alles anders als man denkt. Erlernt hat Rainer Oertel den Beruf eines Elektromaschinenbauers. Der NVA-Zeiten folgten vier spannende Jahre an der Druschba-Trasse in der Sowjetunion. Geld verdienten damals die Trassenbauer gut, sagt Rainer Oertel. Aber alles andere… Nach der Wende plante er eine Laufbahn bei der Wasserpolizei, aber ein Einstellungsstopp verhinderte diesen beruflichen Werdegang. Über eine Umschulung und Arbeit bei einer Firma im Bereich des Straßen- und Landschaftsbaus fand er
den Weg in die Selbstständigkeit – und übte nun den
erlernten Beruf seiner Frau aus. Silke Oertel ist Gartenbau-Ingenieurin. „Ich war schon immer naturverbunden und wollte auch gestalten – in diesem Beruf war das möglich“, sagt Rainer Oertel. Seine Spezialität: Baumfällungen mit der Seilklettertechnik. Firmensitz bis heute ist Woltersdorf. Der Berliner Raum bietet Privaten Arbeit zur Genüge. Bis zu fünf Mitarbeiter beschäftigte er zeitweilig.
Seit 2002 wohnt die Familie in Grünz, auf dem ehemaligen Lubahnschen Hof, ein alter Familienbesitz, der über Ehefrau Silke in die Familie kam. Rainer Oertel wollte allerdings nie nur Bäume umlegen, sondern ihnen noch einen letzten Hauch Leben geben – wenn auch nur auf Zeit – über seine Schnitzarbeiten. So entstanden zahlreiche Skulpturen im Berliner Raum, später die Krackower Pappelmasken und schließlich die Battingsthaler Kapellengesichter. „Die Leute haben immer positiv reagiert“, erinnert sich Oertel.
Den Lyriker in sich entdeckte er urplötzlich 2011 – als Ergebnis einer recht intensiven Diskussion mit Vertretern einer Glaubensgemeinschaft. Was er da alles hörte, musste er einfach gedanklich-philosophisch weiter verarbeiten. „Ich habe bis heute über 260 Gedichte verfasst. Was da so erwächst, ist richtig spannend für mich“, sagt er. Oertel greift heute immer wieder philosophisch-religiöse Themen auf, die wiederum sehr stark in der Natur verankert sind. Der Humor darf natürlich auch nicht fehlen. „Ich habe etwa 100 Gedichte für eine Veröffentlichung im Neubrandenburger Spica-Verlag ausgewählt. Das heilige Hahnenei, der Titel des Bandes, ist darin auch enthalten.“ Er selbst ist gespannt, wie das Buch ankommen wird, zumal er es selbst illustriert. Dem Beruf will er trotzdem treu bleiben – als Baumathlet mit einer lyrischen Ader.

Kontakt zum Autor
r.marten@nordkurier.de