Von Läusen, Noten und Schulklos:

Das Schlachtfeld Elternabend

Gute Erinnerungen an die Schule? Wenn nicht, könnte die nächste Einladung des Lehrers eine Herausforderung werden. Denn im Klassenraum kommen alte Gefühle wieder hoch. Manches Treffen von Müttern und Vätern wird deshalb geradezu kriegerisch.

Manchmal treffen sich die Eltern im Klassenraum und da geht es oft heiß her. Foto: Julian Stratenschulte
Julian Stratenschulte Manchmal treffen sich die Eltern im Klassenraum und da geht es oft heiß her.

Im Herbst sitzen sie wieder beisammen – Mütter, Väter und Lehrer. In den Wochen nach Schulstart haben Elternabende Hochsaison. Bestenfalls sind sie ereignislos. Elternsprecher werden gewählt, Lehrer stellen sich und ihre Pläne fürs Schuljahr vor, und 90 Minuten später ist alles vorbei. Doch so harmonisch ist es nicht immer, wie Eltern und Pädagogen wissen. Nicht selten harrt man bis in den späten Abend auf unbequemen Kinderstühlen aus, während ringsum erbitterte Diskussionen toben, oft ebenso absurd wie endlos und gespickt mit persönlichen Angriffen. „Schlachtfeld Elternabend“ heißt das Buch von Anja Koeseling und Bettina Schuler, das dieses Thema in neun lustigen und bisweilen bitteren Kapiteln aufgreift, die von 15 Eltern und sechs Lehrern geschrieben wurden.

Von Öko-Frauen und Supermüttern

Eine subjektive Auswahl der Dauerbrenner: Der Schulranzen ist zu schwer. Die Toiletten zu schmutzig. Die Matheprobe zu kompliziert. Die Notengebung unfair. Gerne wird das skandinavische Bildungssystem gepriesen, meist verbunden mit dem Ruf nach alternativen Lernformen, was wiederum die konservative Fraktion auf den Plan ruft: „Früher gab‘s mehr Disziplin.“ Aufregerthema Nummer eins: Das Schulessen. Zu viel Fleisch, zu wenig Fleisch, lieber mehr Gemüse oder doch häufiger Pommes und Pizza? Vielleicht vegan, aber unbedingt biologisch und bitte, bitte bloß keine Tiefkühlkost. Die handelnden Personen ähneln sich, egal ob in Miesbach, Wuppertal oder Neubrandenburg getagt wird. „Schlachtfeld Elternabend“ zählt sie auf: Karriere-Eltern mit Bestnoten-Anspruch, Helikopter-Eltern in Panik vor dem Wandertag („Sie müssen zweimal umsteigen. Wie viele Kinder werden Sie auf dem Weg wohl verlieren?“), Ökofrauen oder Supermütter, die zwischen Hausaufgaben und Kuchenbacken fürs Schulbuffet nicht verstehen, dass manche andere Prioritäten setzen. Und dann noch jene, „die aus einem Elternabend am liebsten ein dreitägiges Symposium machen würden“, schreibt ein Lehrer.

Koeseling denkt an die Schulzeit ihrer Tochter: „Mein längster Elternabend ging bis kurz nach elf“, sagt sie und hat auch eine Erklärung dafür, warum Elternabende oft aus dem Ruder geraten. „Ich glaube, das große Problem auf den Elternabenden ist, dass jeder nur sein Kind sieht und nicht die Masse.“ Simone Fleischmann vom Bayerischen Lehrerverband versteht das. Jede Mama wolle nur das Beste für ihr Kind, sagt die Schulpsychologin, die auch Rektorin einer Grundschule ist.

„Wir müssen gucken, warum ist die Mama so garstig und kommt mit dem Anwalt wegen der 3. Nicht, weil sie den Lehrer blöd findet, sondern letztendlich, weil das Kind aufs Gymnasium gehen muss“, sagt sie. Viele Eskalationen gründen ohnehin tiefer: „In dem Moment, wo sich ein Vater in den kleinen Stuhl setzt und in der Perspektive seines Sohnes da hockt, passieren emotionale psychische Prozesse, die damit zu tun haben, dass sich die Eltern in diese Ebene des Kindseins zurückversetzen“, erklärt sie. Und tatsächlich: Die zickigen Mütter waren schon in der achten Klasse zickig.