Zurück vom Austauschjahr:

Der Kulturschock wartet auch zu Hause

Zu Beginn eines Austauschjahres ist alles ganz neu. Genau wie nach seinem Ende. Denn sich in der vertrauten Heimat wieder einzuleben, fällt Jugendlichen häufig nicht so leicht wie gedacht.

Beim Voltaire-Programm des Deutsch-Französischen Jugendwerks werden immer ein deutscher und ein französischer Schüler zusammengebracht. Der Austausch mit seinem Partner erleichtert die Eingewöhung zu Hause. Foto: DFJW
DFJW Beim Voltaire-Programm des Deutsch-Französischen Jugendwerks werden immer ein deutscher und ein französischer Schüler zusammengebracht. Der Austausch mit seinem Partner erleichtert die Eingewöhung zu Hause. Foto: DFJW

Der Kulturschock zu Hause kommt unerwarteter als der im Ausland. Immerhin ist man hier aufgewachsen, kennt Land und Leute. Denkt man zumindest – bis der Auslandsaufenthalt den Blick auf die Eigenarten der Landsleute verändert. „In Deutschland sind alle so direkt“, erkannte Nina Liebe, als sie von einem zehnmonatigen Schüleraustausch in Japan wiederkam. „Irgendwie erschreckt einen das ein bisschen.“

Dieser sogenannte Reverse Culture Shock ist bei den Austauschorganisationen schon lange kein Geheimnis mehr. „Im Prinzip ist das Wiedereinleben in Deutschland genauso schwierig wie das Einleben im Gastland“, erklärt Constanze Baarlage von Travelworks. Die Organisation aus Münster gehört dem Dachverband Highschool an. Der 18-jährigen Nina fiel es sogar schwerer: „Ich fand in Japan anzukommen irgendwie leichter, weil ich ja dahin wollte. Und nach Deutschland musste ich zurück.“ In der Schule gibt es zwei Szenarien, die sich auf das Wiedereinleben unterschiedlich auswirken können. Im ersten kommen die Austauschschüler zurück in ihren alten Klassenverbund. „Sie kommen dann mit dem Gefühl der weiten Welt zurück, diesem vielen Input, und sind erst mal überrascht, dass zu Hause viel weniger passiert ist“, beschreibt Uta Julia Schüler, Repräsentantin des Arbeitskreises gemeinnütziger Austauschorganisationen (AJA), diese Erfahrung. Viele Austauschschüler fragten sich dann: Wohin mit meinen ganzen Erfahrungen?

Auch beim zweiten Szenario, in dem die Schüler in einen neuen Klassenverband zurückkommen, stehen sie vor der Frage: Wie teile ich meine Eindrücke mit, ohne mich aufzuspielen? Im Idealfall sehen Lehrer und Schüler die Erfahrungen als Mehrwert an und ermutigen den Heimkehrer, erläutert Schüler. Oft stoßen die Austauschschüler aber auch auf Neid oder Unverständnis.

Heimkehrern kann es helfen, mit Gleichgesinnten zu reden. In Nachbereitungskursen der Austauschorganisationen haben sie dazu Gelegenheit.

Zu Hause in der Familie kann es in der ersten Zeit nach der Rückkehr ebenfalls ungewohnt sein. „Manche Kinder sagen: Ich will wieder zurück ins Gastland“, beschreibt Baarlage, was Eltern manchmal zu hören bekommen. Sie rät in solchen Fällen, dass sich Eltern und Kinder Zeit geben, sich wieder an-einander zu gewöhnen.

Zum Reverse Culture Schock gesellt sich dann oft noch ein anderer schon bekannter Faktor aus dem Ausland: Heimweh – nach der Gastfamilie. „Ich habe es immer noch“, sagt Nina, die schon seit mehreren Monaten wieder in Deutschland ist. Und Constanze Baarlage, die selbst ein Jahr in den USA verbracht hat, erzählt: „Ich bin im Juni wiedergekommen und im Dezember direkt wieder hin“. Da hatten auch die Eltern keine Chance, sie aufzuhalten. Denn wer einmal weg war, der packt wahrscheinlich auch in Zukunft noch häufiger die Koffer.