Bildungsserie:

Förderung auf langen Wegen - Hilfe für Kinder mit Handicap

Das rollende Lehrerzimmer: Carina Bahle ist eine Sonderschulpädagogin mit Lehrbefähigung zur Seh- und Hörbehindertenpädagogik vom Überregionalen Förderzentrum für den Förderschwerpunkt Sehen in Neukloster, Nordwestmecklenburg. Sie reist durch das ganze Land, um Schüler zu unterrichten.

Förderunterricht

 Welt hinter Milchglas, wie durch ein Fernrohr. Lukas  sieht anders als andere Neunjährige. Seine Augen dienen ihm mehr schlecht als recht und müssen regelmäßig trainieren. Gerade suchen sie im Labyrinth einen Weg vom Piraten zum  Schatz. Lukas kommt zügig voran und freut sich über das Lob von Carina Bahle. Carina Bahle ist eine Sonderschulpädagogin mit Lehrbefähigung zur Seh- und Hörbehindertenpädagogik vom Überregionalen Förderzentrum für den Förderschwerpunkt Sehen in Neukloster, Nordwestmecklenburg. So viel Zeit muss sein. Sie selbst nennt sich GU-Lehrerin. GU für gemeinsamen Unterricht.

Der ist laut Schulgesetz vorgesehen, um Schülern sonderpädagogische Förderung zu gewähren, wo immer sie lernen, an Grundschulen, Förderschulen, Regionalschulen, Gesamtschulen oder Gymnasien in ganz Mecklenburg-Vorpommern. Kindern wie Lukas aus der Diagnose-Förder-Klasse 1 der Haffgrundschule Pasewalk. Kindern, die noch zu klein sind fürs Internat oder noch nicht schlecht genug sehen dafür. „Im Förderschwerpunkt Sehen bedeutet dies, dass Lehrer... im gesamten Land  mit Dienstreiseaufträgen die betreffenden Schüler wohnortnah fördern und beraten“, heißt es in der „Tätigkeitsbeschreibung für Sonderpädagogen im GU“. Sie beschreibt auf fast zwei A-4-Seiten „Fördermaßnahmen am Schüler“, „Beratung aller Pädagogen, die mit dem Schüler arbeiten“, „Beratung der Erziehungsberechtigten“ und „Organisatorisches“ wie Projekttage, Sehtests oder Förderpläne.

Außentermine bei 85 Schülern

Die Schule in Neukloster betreut derzeit 85 Kinder und Jugendliche extern. Elf Lehrerinnen und Lehrer übernehmen die Außentermine neben dem Unterricht für 90 Kinder und Jugendliche am Förderzentrum. Carina Bahle aus der Nähe von Chemnitz bei Neubrandenburg ist die einzige, die ausschließlich fährt. Zu mehr als zwei Dutzend Schülern im Laufe der Woche, donnerstags zuerst zu Lukas nach Pasewalk.

Ihre gemeinsame Zeit vergeht wie immer viel zu schnell. Der Junge hat den Irrweg des Piraten nun auch mit einem dicken, signalroten Filzstift nachgezogen, Schreibübungen erledigt und bunte Plastik-Scheiben,  Dreiecke und Quadrate zu Figuren zusammengefügt. Vergnügt verschwindet er in die Pause. Die zweite Stunde gehört diesmal seinen Eltern. Mutter und Vater Schmidt wollen sich mit Carina Bahle beraten. Lukas braucht eine neue Brille. Auffällig soll sie sein. „Dann wissen die Leute gleich, was los ist“, sagt Frau Schmidt. Sie kämpft für ihren Jungen.  Gerade hat die Krankenkassen ein Bildschirmlesegerät abgelehnt. Carina Bahle rät zum Widerspruch und sichert Hilfe zu. Sie sprechen darüber,  ob Lukas im Sommer beim Zirkusprojekt seiner Förderlehrerin mitmachen könnte, und wo es für den Jungen nach der Grundschule weiter gehen sollte. Vielleicht in Neukloster?

Lukas’ Eltern   wollen gleich noch weiter zum Schulleiter. Zurzeit wird ihr Sohn im Schulbus von zwei Jungen bös drangsaliert, zuletzt haben sie ihm die Mütze zerrissen. Die Lehrerin rollt zum nächsten Termin, gut 30 Kilometer weiter an der  Grundschule  Ueckermünde.  Hospitation in der 4 b. Klassenlehrerin Karin Balz sucht die passende Kreide. Gelbe Schrift auf grüner Tafel – so ist es für Johann-Daniel in der ersten Reihe leichter zu lesen. Als die Jungen und Mädchen Arbeitsblätter erhalten, reicht sie dem Lockenkopf eine extragroße Sonderanfertigung.

Jeder Schüler hat seine Eigenheiten

„Ich habe so einige Lehrer, die sich richtig viel Mühe geben“, sagt Carina Bahle. „Die jeden Hinweis und all das beherzigen, was unseren sehbehinderten Schülern nützt.“ Karin Balz ist seit 33 Jahren Lehrerin und ein Paradebeispiel dafür. Ihre 4. hat es in sich: Zwei Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwäche, ein Schüler mit Rechenstörung; einer wird „zieldifferenziert“ unterrichtet, also nach Maßstäben einer jüngeren Jahrgangsstufe; zwei Kindern wurden emotional-soziale Auffälligkeiten attestiert; zu guter Letzt ein hochbegabter Junge  und Johann-Daniel mit seiner Augenkrankheit. „Zum Glück sind wir mit 20 Schülern ja  nur eine kleine Klasse“, sagt Karin Balz.

In der nächsten Stunde – Deutsch – fängt sie mit einem Buch an. „Sams Wal“. Johann-Daniel und seine Förderlehrerin probieren im Nebenraum Lesehilfen  aus, Lupen in verschiedener Form und Größe.  Der Junge huscht begierig über die Zeilen, die Finger können das Glas gar nicht schnell genug nachschieben. Das Zusammenspiel mit den Augen  strengt an. Gewöhnlich werden Bücher bei der Medienbearbeiterin in Neukloster vergrößert, um das Lesen zu erleichtern. Diesmal soll es ausnahmsweise schneller gehen. Als „Sams Wal“ in der Schule ankam, wollten Kinder und Lehrer sofort loslegen.  Johann-Daniel liest also diesmal mit Lupe.

Normale Pausen gibt es nicht

Zurück im Auto genehmigt sich die Lehrerin eine Klappstulle und einen Becher Kamillentee aus der  Thermoskanne. Für Einkehr „Immerhin bin ich den ganzen Tag unterwegs“, sagt sie.  „Ich kann auch während der Fahrt ganz gut essen“, verrät sie und startet in Richtung Eggesin. Kurz vorm Ortsschild biegt sie rechts ab. „Ja, das sind die kleinen Freuden des GU-Lehrers am Rande der Straße“, frohlockt sie und tankt einmal voll. Zehn, zwölf Cent billiger als anderswo, keine Kleinigkeit bei bis zu 1000 Kilometern pro Woche.

An der Regionalen Schule Eggesin wartet ein Mädchen aus der 6.,  schmal und scheu, ebenso groß wie die zierliche, schwarzbezopfte Lehrerin mit ihren Ringelstrümpfen und der roten Brille. Heute ist zuerst das N wie Not auf der Tastatur an der Reihe. „Einführung ins 10-Finger-Tastschreiben am PC“ lautet die Aufgabe. Gewinnen, Sonne, können, nie, nörgeln, Winter  – ihre Schülerin schreibt jedes Wort zweimal. Akkurat.  „In Neukloster lernen alle  ab Klasse 3 so zu schreiben“, erklärt Carina Bahle. Auf Wunsch der Schulleitung wird sie Ende März zum Schuljubiläum in den 6. Klassen  ein Projekt zum Thema Sehbehinderung anbieten. Das Mädchen schaut weg. „Beide Klassen?“ Dann erfahren alle, dass es um sie geht. Und sie will doch nicht wieder Thema sein wie damals Ende der 5., als ihr jeder Schultag schwer fiel. Die Sonderschulpädagogin kennt solche Sorgen: Was in der Grundschule  gut  klappt, kann an den weiterführenden Schulen zum Problem werden – Gemeinheiten von Schülern einerseits, weniger Aufmerksamkeit von  Lehrern auf der anderen Seite.  Diese Schülerin zum Beispiel verzichtet   sogar auf die zusätzliche Arbeitszeit, die ihr bei Leistungskontrollen zusteht. Bloß nicht auffallen.  Es kommt oft vor, dass Kinder in diesem Alter lieber nach Neukloster und aufs Internat wechseln.

Zur Arbeit gehört auch: Brille bestellen, Sponsoren werben, Tische besorgen

Mittlerweile ist es Nachmittag. Jessica, 10, in Ferdinandshof wird  zu Hause unterrichtet – eine Ausnahme, immerhin in der Schulstraße. Vorher hält die Lehrerin an Jessis Grundschule . Die hatte einen Arbeitstisch für das Mädchen bestellt. „Der war zu klein und steht nun bei einem GU-Kind in Penzlin“, sagt sie und hievt das größere Modell ins Foyer. Der Hausmeister kann sich morgen drum  kümmern. „Es ist fast das Wichtigste, überall mit der Schulsekretärin und dem Hausmeister gut Freund zu sein.“ Carina Bahle  zwinkert.

Bei Jessi in der Diele brennt der Kamin.  Nach Schreibtraining am Computer – heute mit  M wie Mut – und Wahrnehmungsübungen muss das Mädchen Streifen schneiden. Das übt die „visumotorische Koordination“, und nebenbei entsteht eine Collage aus zwei Tierbildern. „Für Papas Geburtstag.“ Jessi schnauft.  Schneiden ist verdammt schwer. Sonst hat sie  fast nur Einsen. „Auch in Englisch.“

Auf Weg nach Hause macht Carina Bahle in Neubrandenburg einen kleinen Umweg, um mit dem Optiker zu sprechen. Die Brille für Lukas, das Bildschirmlesegerät. Es ist kurz nach 19 Uhr, als sie in Chemnitz von der Hauptstraße abbiegt. Zu Hause warten drei Pferde, drei Hühner, zwei Katzen, ein Hund. Und  ein Lebensgefährte. Zwölf Stunden war die GU-Lehrerin unterwegs. Doch später am Abend will sie sich noch kurz an den Computer setzen. Für ihr Zirkusprojekt müssen schon jetzt die  Sponsoren umworben werden.

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