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Hirndoping für eine bessere Zensur?

Leistungssteigernde Mittel sind nicht nur im Sport ein Thema. Auch Schüler und Studenten greifen in stressigen Zeiten durchaus zu Ecstasy, Koffeintabletten oder Energy Drinks. Neubrandenburger Forscher fragen an Schulen nach.

Ist Hirndoping an Schulen inzwischen üblich?
Matthias Hiekel Ist Hirndoping an Schulen inzwischen üblich?

Beim Blick auf den Terminkalender kommt keine Freude auf: Morgen große Mathe-Klausur, übermorgen ein Referat und die Hausarbeit muss auch noch in dieser Woche abgegeben werden. Nicht mehr zu schaffen – außer die Nacht wird zum Tag.

„Schüler und Studenten geraten immer mehr unter Leistungsdruck“, weiß Professor Andreas Franke von der Neubrandenburger Hochschule. Die Umstellung der früheren Diplom-Studiengänge auf das Bachelor- und Mastersystem bringe eine Arbeitsverdichtung mit sich. Und mit dem sogenannten Turbo-Abitur nach 12 statt 13 Jahren warte ein großes Pensum auf die Jugendlichen. „Es liegen zunehmend wissenschaftliche Daten darüber vor, dass eine nicht unerhebliche Anzahl von Schülern und Studenten diverse Substanzen zur geistigen Leistungssteigerung einnimmt, um wacher, aufmerksamer und konzentrierter zu sein“, sagt der Mediziner, der sich schon seit etwa fünf Jahren mit dem Thema „Hirndoping“ beschäftigt.

Inzwischen existierten dazu auch Daten. Wenn das in Fragebögen direkt angesprochen werde, würden ein bis fünf Prozent der Befragten angeben, illegale Drogen oder verschreibungspflichtige Medikamente einzunehmen. Zu Koffein-Tabletten griffen über zehn Prozent. Mit Energy Drinks hielten sich ebenfalls über zehn Prozent munter fürs Lernen. Und über 50 Prozent versuchten es mit Kaffee, wie der Professor berichtet.

Bei Nachfragen mit einer ausgeklügelten Technik gaben sogar 20 Prozent der befragten Studenten an, dass sie innerhalb des vergangenen Jahres leistungssteigernde Substanzen genutzt hätten. Mit einer nicht unerheblichen Dunkelziffer sei außerdem zu rechnen. In Interviews mit Studenten ging es dann um die Umstände und Beweggründe, auf solche Mittel zurückzugreifen.

Lehrer werden um Mithilfe gebeten

„Der nächste Schritt für uns als Wissenschaftler ist nun, Eltern oder Lehrer zu befragen, was sie in Sachen Hirndoping wahrnehmen. Erkenntnisse darüber stellen einen zentralen Bestandteil der Forschung an diesem Phänomen dar“, erklärt Professor Franke. Eltern systematisch zu befragen, sei allerdings schwierig. „Und oft wissen sie wenig davon. Über die erste Zigarette berichtet ja auch kaum jemand zu Hause.“ Deshalb entschieden die Wissenschaftler sich für eine Befragung der Lehrer.

„Von Hirndoping haben die meisten sicher schon gehört. Unser Forschungsziel ist es, mehr über die Erfahrungen, Einschätzungen und Einstellungen von Lehrern in diesem Kontext zu erfahren“, berichtet er. Dazu rufen die Neubrandenburger Wissenschaftler derzeit in den Schulen Mecklenburg-Vorpommerns an, schicken E-Mails und Briefe, um die Lehrer zu bitten, online und anonym einen Fragebogen auszufüllen. Die Aktion laufe den ganzen Oktober über. Ziel sei es unter anderem, den Lehrern künftig ganz gezielte Aufklärung und Schulungen anzubieten.

Der Missbrauch sei nicht harmlos. „Auch freiverkäufliche Mittel wie Koffeintabletten haben zahlreiche Nebenwirkungen“, sagt der Mediziner. Herzrasen, Herzstolpern, Bluthochdruck, Schweißausbrüche, Händezittern zählt er auf.