Erziehung und Wissen:

Lehrpläne sollen auf den Prüfstand

Kinder und Jugendliche werden an staatlichen Schulen Deutschlands zu wenig fit für den Alltag und das Leben gemacht. Das findet die Potsdamer Erziehungswissenschaftlerin Agi Schründer-Lenzen, wie sie im Interview mit Gudrun Janicke erläutert.

Schule soll nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch fürs Leben erziehen. Foto: Julian Stratenschulte
Julian Stratenschulte Schule soll nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch fürs Leben erziehen. Foto: Julian Stratenschulte

Was können staatliche Schulen noch leisten?

Im Mittelpunkt stehen jetzt Bildungsstandards, die die Kinder tüchtig für das Leben machen sollen. Es geht aber darum, prüfbares Wissen zu vermitteln. Und das wird dann gemessen und benotet, mit Vergleichsarbeiten oder standardisierten Abiturprüfungen. Vieles ist notwendig, um im Alltag bestehen zu können. Aber das, was Schule und Unterricht auch ausmacht, das Erziehen, gerät dabei leicht aus dem Blick.

Was wird nach Ihrer Ansicht nicht gelehrt?

Es sind die schwierigen Themen, beispielsweise wie ein Schüler mit Autoritäten umgeht, wie er sich zu Mitschülern verhält oder welches Verhältnis er zur Natur hat. Einfach gesagt: Welche Persönlichkeit ist herangereift und über welche sozialen Kompetenzen verfügt sie? Unterrichten und erziehen gehören zusammen.

Warum ist die Erziehung aus dem Blickfeld geraten?

Der Schulunterricht orientiert auf Abschlüsse, und auch Eltern denken so: Abitur – alles andere ist zweite Wahl. Das ganze Bildungssystem ist auf Beschleunigung umgestellt worden: Frühere Einschulung, Verkürzung der Schulzeit bis zu den Studiengängen (Bachelor). Da kommt leider manches zu kurz. Erziehung im Turbo-Tempo geht eben nicht.

Welche Möglichkeit gibt es für ein Umschwenken?

Der erste Schritt wäre eine Entrümpelung der Lehrpläne. Den Kindern können nicht laufend neue Themen aufgebürdet werden. Aber schon die Diskussion um die Streichung eines Lehrinhaltes führt zu einem Aufschrei von Interessengruppen. Der Boom der Privatschulen liegt unter anderem daran, dass dort zum Programm erhoben wurde, Kindern nicht nur Wissen zu vermitteln. Staatliche Schulen fokussieren sich auf das Unterrichtsgeschäft und halten sich aus der Erziehungsaufgabe oft heraus.