Bildungsserie:

Teil 3: Die Idee vom Schul-Campus

Im Schulzentrum Dömitz am Rande Mecklenburg-Vorpommerns lernen Grund- und Förderschüler, Regionalschüler und Gymnasiasten. In einem Flächenland scheint das Modell eine gute Idee zu sein.

Grundschulkinder

Die Wände des Treppenaufgangs sind mit zahllosen Kacheln verziert. Mit Gesichtern, Namen, Tieren oder Blumen haben sich die Schüler des Schulzentrums Dömitz auf ihnen verewigt. „Ich möchte, dass jedes Kind bei uns eine kleine individuelle Spur hinterlässt“, sagt Schulleiter Klaus Niemann. Diese Spuren werden  seit einigen Jahren  im Keramikkurs geformt und gebrannt. Seit 2006 leitet Niemann das Gymnasiale Schulzentrum „Fritz Reuter“ in Dömitz. Vorher war er 15 Jahre lang Direktor des städtischen Gymnasiums, das nun Teil des Ganzen ist.

Offiziell gibt es kein „gymnasiales Schulzentrum“, wie es auf der Internet-Seite steht. Aber wer kann sich schon eine eher abschreckende Bandwurmbezeichnung wie „verbundene Regionale Schule und Gymnasium mit Grundschule und Allgemeiner Förderschule“ merken. So muss sich das Schulzentrum laut Schulgesetz  nennen. Wenn es nicht gerade um den Namen geht, halten sich Niemann und seine 72 Lehrer natürlich ans Gesetz. Auch jene Kollegen, die im Produktiven Lernen unterrichten, das inzwischen ebenfalls zum Schulzentrum gehört.

Schulen arbeiten örtlich und inhaltlich eng zusammen

Ausgerechnet in Dömitz  am Rande des Landes hat sich eine Schulform etabliert, in der Niemann durchaus die Zukunft des allgemeinbildenden Unterrichts in ländlichen Gegenden sieht. „Campus-Schule“ sagen Schulexperten, wenn viele Schulen örtlich und inhaltlich eng zusammenarbeiten.

Beim allgemeinen Schulsterben des vergangenen Jahrzehnts wollte Dömitz nicht vorangehen. „Die Stadt wollte diese Schulen“, berichtet Niemann. Allein aber hätte sich kaum eine  halten können. So bereiteten Niemann und seine damaligen Schulleiterkollegen die Kooperation vor – gegen alle Vorbehalte. „Die Eltern der Gymnasialschüler befürchteten, das Niveau werde sinken. Die Eltern der Regionalschüler hingegen, ihre Kinder würden im Verbund untergehen.“ Andere schreckte die Größe des Gebildes mit derzeit 830 Schülern. Die nächsten fürchteten eine „Gesamtschule“.

Trotz Zusammenarbeit: Eigener Pausenhof pro Schule

Inzwischen zählt Niemann ruhig die Vorteile des Schulzentrums auf. Trotz aller Zusammenarbeit haben die Grund- und die Förderschüler sowie die Kinder der Orientierungsstufe ihren eigenen Schulhof. Auf dem großen Innenhof, der von Regionalschule und Gymnasium eingerahmt wird, sei hingegen die ehemalige „imaginäre Grenze“ zwischen den Schülern verschwunden. „Die Schüler  haben Toleranz vorgelebt, von der wir Erwachsenen manchmal noch lernen können“, so Niemann.

Dazu beigetragen haben die Ganztags-Angebote und die Wahlpflichtkurse, die Schülern aller Schularten offenstehen. Niemann: „Gerade beim Sport oder im Theaterkurs treffen sich Förderschüler, Regionalschüler und Gymnasiasten“ Das Schulzentrum „lebt in Ansätzen längst die viel beschworene Inklusion“. Ohne die Zusammenarbeit könnte es allerdings nicht so viele Ganztagsangebote machen.

Reguläre Unterricht weiterhin getrennt

Der reguläre Unterricht findet weiterhin fein säuberlich voneinander getrennt im jeweils eigenen Gebäude statt. Allerdings arbeiten die Lehrer viel enger zusammen als früher. „Sie wissen mehr über die Kollegen der anderen Schularten, was sie machen, was sie können. Der Horizont hat sich erweitert“, sagt der Schulleiter. Das Gesamt-Kollegium bietet viele Vorteile. Niemann findet leichter Vertretungslehrer, also fällt weniger Unterricht aus. Er kann Fachlehrer durchaus am Gymnasium und an der Regionalschule einsetzen. In der Orientierungsstufe unterrichten Gymnasial- und Regionalschullehrer sowieso gemeinsam. „Das wirkt sich positiv auf die Einschätzung der Schüler aus“ Das Schulsystem werde dadurch auch ein Stück durchlässiger. Ähnliches gelte für Grund- und Förderschule.

Auch die Details der Lehrpläne versucht Niemann aufeinander abzustimmen. „Der 30-jährige Krieg wird dann zum Beispiel sowohl am Gymnasium als auch auf der Regionalschule in allen Klassen eines Jahrgangs tiefergehend behandelt – wenn auch auf unterschiedlichem Niveau“. Selbst die Lieder, die im Musikunterricht gelernt werden, sind dieselben. Falls ein Schüler von der Regionalschule aufs Gymnasium wechseln will, hat er einige Hürden weniger zu nehmen.

Kooperation auch bei Ausflügen

Selbst wenn eine Gymnasialklasse einen Ausflug in die Landeshauptstadt nach Schwerin plant, drängt sie Niemann gegebenenfalls sanft zur Kooperation. Um die Buskosten auf viele Schüler zu verteilen, muss sich die Klasse dann eine zweite reisewillige Klasse suchen. Niemann: „Das können dann auch Grundschüler sein, die in den Zoo wollen.“

Der Einzugsbereich des Schulzentrums endet schon lange nicht mehr an der Landesgrenze. Als sie eine Schule für ihre Tochter suchte, ist Manuela Koch zusammen mit ihrem Mann aus Niedersachsen über die Elbe  gekommen. „Uns haben sofort die Freundlichkeit der Schüler und Lehrer und die gute Ausstattung mit Fachräumen beeindruckt. Außerdem wirkte die Schule aufgeräumt“, berichtet die Mutter einer Elfklässlerin. Wobei „aufgeräumt“ für sie keineswegs mit penibler Ordnung gleichzusetzen ist, sondern mit dem Eindruck, den ein Ort vermittelt, um den sich die Menschen kümmern. Da die Schulformen weiterhin bestehen, gebe es genügend Möglichkeiten, Schüler individuell zu fördern.

Verbesserte Zusammenarbeit von Eltern

Manuela Koch schätzt auch die verbesserte Zusammenarbeit von Eltern der verschiedenen Schulformen. „Da wurden manche Vorbehalte abgebaut.“ Für die Schulen habe der Verbund zudem nach außen einen großen Vorteil. „Besonders die Förderschule bekommt eine lautere Stimme  – zum Beispiel gegenüber dem Landkreis oder dem Bildungsministerium, als wenn sie alleine stünde.“  Inzwischen lernen knapp 60 Kinder aus Niedersachsen am Dömitzer Schulzentrum. „Gäbe es bessere Busverbindungen, wären es wahrscheinlich noch mehr“, sagt Manuela Koch. Auch aus Brandenburg kommen Jungen und Mädchen nach Dömitz.

Schulsprecher Heinz Wilhelm Schult fühlt sich unterdessen „am Schulzentrum gut vorbereitet aufs Abitur und aufs Studium“. Allerdings hat er auch keinen Vergleich zu anderen Schulen oder der Dömitzer Schullandschaft vor 2006. Auch in der Schülervertretung arbeiten Schüler aller Schulformen mit. Die imaginäre Linie zwischen Regionalschülern und Gymnasiasten, die laut Niemann zwar inzwischen verschwunden ist, hat der 18-jährige Schult  „nie so wahrgenommen“.

Alle Schulen unter einem Dach

Um so viele Schulen unter ein Dach zu bekommen, bedarf es wohl einen wie Niemann. Zwar hat er Mathe und Physik studiert und unterrichtet beide Fächer auch heute noch. Seine praktische und  anpackende Ader hat das aber keineswegs verschüttet.  Froh ist er, dass er als Schulleiter einer „selbstständigen Schule“ über ein eigenes Budget verfügt. Um eine Abstellkammer in einen Konferenzraum zu verwandeln, benötigte er zwei Wochen. „Normale“ bürokratische Verwaltungen hätten ein Vielfaches gebraucht. Stolz ist Niemann auf den Dachboden in einem der Backsteinhäuser, die zum Schulkomplex gehören. An 18 Wochenenden haben Eltern, Lehrer und Schüler aus dem maroden Gerümpelboden einen ansprechenden Seminar- und Vortragsraum gemacht. 

Klaus Niemann animiert inzwischen andere Schulträger, dem Beispiel von Dömitz nachzueifern, soweit das möglich ist. So ein Schulzentrum müsse mindestens zwei Jahre vorher gut vorbereitet werden. Alle müssten an einem Strang ziehen, aber besonders die Lehrer sollten intensiv mitbestimmen dürfen, sagt Niemann. Andererseits sei sein Schulzentrum auch nichts Außergewöhnliches. „Wir machen hier ganz normal Schule. Nur halt gut organisiert“, sagt der Schulleiter.

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