Bildungsserie:

Teil 4: Sprungbrett in die Berufsausbildung

Unten breit, oben schmaler – nach der Orientierungsstufe in den Klassen 5 und 6 konzentrieren sich Regionalschulen auf das Thema Berufe. Zwei Beispiele aus Eggesin und Schwerin.

Schule in Eggersin

 An der Regionalschule lernen Schülerinnen und Schüler von der 5. bis zur 10. Klasse. Sie erlangen mit Abschluss der Klasse 9 die Berufsreife, mit Abschluss der 10. die Mittlere Reife. Da ein Großteil der Schülerinnen und Schüler im Anschluss eine Berufsausbildung anstrebt, konzentrieren sich Regionalschulen schon ab Klasse 7 auf die Berufsorientierung.

 

In den vorhergehenden Schuljahren – Klasse 5 und 6 – absolvieren die Schüler die Orientierungsstufe, von der Bildungspolitik vor Jahren erfunden, um das  „Längere gemeinsame Lernen“ voranzubringen. Der Plan: Nach Ende der Grundschule in der 4. Klasse wechseln die Kinder auf eine weiterführende Schule, in der Regel die Regionalschule. So verschiebt sich die Entscheidung über die künftige Schullaufbahn um zwei Jahre, von der 4. in die 6. Klasse. Ob und wie das „Längere gemeinsame Lernen“ funktioniert, hängt vor allem von einer Frage ab: In welcher Region steht die Regionalschule.

 

In den 1970er Jahren musste noch in zwei Schichten unterrichtet werden

 

Die Regionale Schule „Ernst Thälmann“ in  Eggesin zum Beispiel ist „eine gewachsene Größe“, wie Schulleiter Friedrich-Wilhelm Pott es nennt. „Da braucht man nicht viel zu sagen.“ Im März feiert der Standort sein 55-jähriges Bestehen. In den 1970er-Jahren, als Eggesin zu den jüngsten Städten der damaligen Republik gehörte und noch zwei andere Schulen hatte, drängten sich 1200 Schülerinnen und Schüler in einem Gebäude. In zwei Schichten musste zeitweise unterrichtet werden. „Vormittags und nachmittags“, sagt Friedrich-Wilhelm Pott, der seit 1977 dabei ist. Heute hat er mehr Platz und weniger Schüler, um die 200 bis 220.

 

Wer in Eggesin und dem benachbarten  Ahlbeck die Grundschule beendet, kommt an die Thälmann-Schule – von einigen wenigen „Exoten“ abgesehen, meist „Zugezogene, die etwas anderes suchen“, beschreibt der Schulleiter. „Längeres gemeinsames Lernen“ heißt hier, die Kinder trennen sich erst nach Klasse 6. Die einen bleiben an der Regionalschule, die anderen fahren die 10 Kilometer  ans Gymnasium Ueckermünde oder über 37 Kilometer zum deutsch-polnischen Gymnasium nach Löcknitz.

 

Zwölf Richtungen stehen offen

 

In Schwerin hingegen stehen schon nach Klasse 4 Wege in  zwölf  Richtungen offen:  Neben einer Integrierten Gesamtschule und  drei Regionalschulen gibt es das Sport- und das Musikgymnasium, die Begabtenförderung am Fridericianum  sowie fünf private Schulen mit Orientierungsstufe. Nach Einschätzung von Fred Neumann, Leiter der Regionalen Schule „Erich Weinert“ im Zentrum der Landeshauptstadt,  haben Stadt-Eltern das „Längere gemeinsame Lernen abgewählt“.

 

Seine 6. Klassen kommen aus allen acht öffentlichen Grundschulen von Schwerin, zunehmend auch aus dem Umland. Schüler, die sich kennen, bleiben wenn möglich zusammen. Ausnahme sind die Latein-Klassen, die vier Sprachstunden zusätzlich zum Stoff der Orientierungsstufe absolvieren.  Sie bereiten sich so auf einen Wechsel ans  Fridericianum vor, ein altsprachliches Gymnasium, an dem Latein zum Pflichtprogramm gehört. Rund 320 Schüler hat die Weinert-Schule derzeit, je drei Klassen in Stufe 5 und 6. Danach geht es meist zweizügig weiter. Mit dem Halbjahreszeugnis von Klasse 6 erhalten Schüler und Eltern eine  Schullaufbahn-Empfehlung. Regionale Schule oder Gymnasium? Das letzte Wort haben die Eltern in Mecklenburg-Vorpommern. An der Weinertschule entscheidet sich erfahrungsgemäß nur knapp ein Viertel  gegen den Rat der Schule fürs Gymnasium.

 

Schulen klammern sich an jeden Schüler

 

In  Eggesin sind es  mehr als die Hälfte, die der Regionalschulempfehlung zum Trotz ans Gymnasium wechseln. Obwohl dann das erste Halbjahr von Klasse 7 als Probezeit gilt, kehren nur wenige zurück. Es ist kein Geheimnis, dass die Schulen an jedem Schüler klammern, seit Lehrerstunden  pro Kopf vergeben werden. Schulleiter Friedrich-Wilhelm Pott ist skeptisch: „Ob ein Kind  froh wird, wenn es am Gymnasium immer gerade so 4 steht?“ Seine Regionalschule wirbt mit überschaubaren Klassengrößen, Polnisch als zweiter Fremdsprache und der Abteilung „Produktives Lernen“. Dort gibt es 36 Plätze für  Schüler, die im regulären Schulbetrieb scheitern könnten. In vier kleinen Gruppen lernen sie praxisorientiert, überwiegend bis zur Berufsreife. Im vergangenen Schuljahr hat die Regionalschule „Ernst Thälmann“ alle Schülerinnen und Schüler mit einem Abschluss entlassen, so der Schulleiter. Und auch sonst seien Schulabbrecher Einzelfälle. Als größte, zunehmend wichtige Herausforderung von Schule sieht er es, „soziale Kompetenz zu vermitteln“.

 

Auch sein  Amtsbruder Neumann in Schwerin stellt fest: „Die Erziehungsaufgaben nehmen zu.“ Gut die Hälfte aller Eltern habe seiner Erfahrung nach kaum ein Interesse am Thema Schule. Umso mehr legt sich das Kollegium ins Zeug, um Jugendliche auf den Weg zur Berufsausbildung zu bringen. Bereits ab Klasse 7 unterrichten Regionalschulen in einem Kurssystem, wie Fred Neumann erklärt. Der Basis- und der Mittlere-Reife-Kurs unterscheiden sich vor allem in der Bewertung der Schülerleistung. Wenn alle Schüler  eine Arbeit schreiben, wird die mögliche Vier oder Fünf für den Basiskurs um eine Note aufgewertet, zu einer Drei oder Vier. „Dahinter steckt der Gedanke der Motivation“, so der Schulleiter.

 

Etwa die Hälfte macht am Fachgymnasium Abitur

 

Meist mündet der Basiskurs im Abschluss Berufsreife am Ende der 9. Klasse. Doch besteht auch dann noch die Chance, die 10. Klasse und die Mittlere Reife in Angriff zu nehmen. Unter einer Bedingung: Die verbesserten Noten werden wieder in reelle zurückgerechnet. Sollten sich dabei mehr als zwei Fünfen  in Hauptfächern ergeben, kann sich der Schüler einer Leistungsfeststellung unterziehen. Wer die meistert, erreicht Klasse 10 und hat gute Aussichten  auf die Mittlere Reife. Etwa die Hälfte seiner Schulabgänger macht danach am Fachgymnasium zum Abitur weiter, so Fred Neumann.

 

Seiner Einschätzung nach unterscheiden sich die Regionalschulen vor allem durch ihren Strategien zur Berufsvorbereitung:  Bei Weinert sind sie auf dem „klassischen Weg“ geblieben: 14 Tage Praktikum beim Schweriner Ausbildungszentrum mit mehreren Stationen in Klasse 8, um zu testen, was in Frage kommen könnte. „Wir raten unseren Schülern, sich mindestens zwei Berufsrichtungen herauszusuchen“, sagt Fred Neumann.

 

Im Idealfall weiß jeder am Ende, wohin er passt oder nicht

 

Für das nächste zweiwöchige Praktikum in Klasse 9 müssen sich die Schüler regelrecht bewerben, in der 10. ist erneut eine Woche Zeit für einen Abstecher in die Praxis. Im Idealfall steht unterm Strich die Erfahrung, wer wohin passt oder zu wem. Hinzu kommen Berufsmessen in der Schule, Bewerbungstraining, Eignungstests und Wahlpflichtkurse wie Hauswirtschaft, Informatik, Technisches Zeichnen. Die Regionalschule ist als Sprungbrett in den Beruf gedacht und besser als ihr Ruf, auch in der Stadt.

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