Bildungsserie:

Teil 5: Produktives Lernen: Für alle, die lieber mit dem Kopf lernen

Wer die Welt besser mit den Händen begreifen kann als mit dem Kopf, der ist im Produktiven Lernen richtig – unter anderem in Lübz und an 26 weiteren Standorten im Land.

 Whoopi Goldberg aus New York und Natascha Märker aus Lübz haben etwas gemeinsam –  ihre Schule und die Idee dahinter. Die Schauspielerin aus Amerika gilt als bekannteste Absolventin eines Bildungsangebotes mit dem Namen „City as school“ (Die Stadt als Schule). Zwei deutsche Bildungsforscher brachten das Konzept mit nach Berlin, gründeten an der Alice-Salomon-Hochschule das Institut für Produktives Lernen in Europa (IPLE) und bemühen sich seit 1991 um die Schulentwicklung in Deutschland.

 

Ein erster Anlauf zum Produktiven Lernen in Mecklenburg-Vorpommern scheiterte 2002 – am Geld. Drei Jahre später half der Europäische Sozialfonds. „Von heut auf morgen“, erinnert sich Barbara Schlesinger aus der Schulabteilung des Bildungsministeriums. Im Dezember kamen die Mittel, im Januar ging es an neun Regional- und Gesamtschulen los. „Kurzfristig mussten geeignete Schüler aus den Klassen herausgelöst werden“, sagt Barbara Schlesinger.

 

Eher für die, die lieber mit den Händen als dem Kopf lernen

 

Im Infoblatt des Ministeriums heißt es, das Produktive Lernen „richtet sich an alle Schülerinnen und Schüler, die selbstständig individuelle Lernwege beschreiten und in Verbindung mit praktischer Tätigkeit lernen möchten“. In der Realität sind es oft diejenigen, die im Regelschulsystem anecken. Mädchen und Jungen ab Klasse 7, die lieber mit den Händen als mit dem Kopf lernen. Eine „flexible Schulausgangsphase“  ermöglicht es ihnen, im Verlauf von zwei bis vier Jahren einen Schulabschluss zu erwerben.

 

In der Regionalschule Lübz (Landkreis Ludwigslust-Parchim) macht Produktives Lernen an diesem trüben Wintertag Appetit.  Kuchenduft kitzelt die Nase. In der Küche der Cafeteria steht Natascha Märker am Waffeleisen. Waffeln mit Puderzucker sollen die große Pause versüßen. Die 15-Jährige gehört zu einer von vier kleinen Schülergruppen im Produktiven Lernen. Ihre Lehrerin Rita Evert ist seit 2005 dabei, als Lübz zu  den sechs  Pilotschulen gehörte. Heute gibt es landesweit 27 Standorte an Regionalen- oder Gesamtschulen. Rita Evert absolvierte neben der Arbeit ein zweijähriges Aufbaustudium und versteht sich seither mehr als Beraterin denn als Lehrerin  ihrer Schülerinnen und Schüler. Ebenso wie ihre drei Kollegen.

 

"Hängematte ist nicht"

 

Wer zu ihnen möchte, muss ein Bewerbungsgespräch bestehen. Sagt einer, er will ins Produktive Lernen, weil dort auch Sessel und Sofa im Klassenraum stehen, darf er gleich wieder gehen.  „Stimmt zwar, reicht aber noch lange nicht“, sagt Rita Evert. „Hängematte ist nicht.“ Sie verlangen eine Einstellung. Den Willen zum Produktiven Lernen.

 

Die Schüler verbringen pro Woche zwei Tage in der Schule, die übrigen drei an einem „Praxislernort“.  Cafeteria, Autowerkstatt, Baumarkt, Orthopädiewerkstatt, Museum… – je nach Interessen und  Kooperationspartner. Das Schuljahr gliedert sich in drei Trimester. Jeweils zum Ende gibt es ein Zeugnis mit ausführlicher Beurteilung.  Auf dem Stundenplan finden sich Fächer wie Deutsch, Mathe, Englisch, Sport, aber auch Kommunikation, Mensch und Kultur, Natur und Technik. Statt theoretischer Sachaufgaben stehen praktische Fragen im Lehrplan: Wie viele Liter Farbe braucht der Maler, um den Raum zu streichen? Woher stammen die Autos, die in der Werkstatt  repariert werden? Was gehört zu einem gesunden Mittagessen?

 

Die Aufgaben werden auf die Teilnehmer zugeschnitten

 

„Sie lernen auf andere Art und Weise“, erklärt Rita Evert, die ihr Berufsleben die längste Zeit im Regelschulsystem verbracht hat. „Dort müssen die Schüler fünf Tage die Woche  das machen, was Schüler machen müssen“, beschreibt sie. Im Produktiven Lernen werden die Aufgaben auf die Teilnehmer zugeschnitten. Das Fach „Lernbereich“  bezieht sich auf den „Praxislernort“, wo die Schüler innerhalb von drei Monaten eine umfangreiche Aufgabe bearbeiten und in den Lerngruppen präsentieren müssen. Über die Aufgaben  entscheiden sie gemeinsam mit ihren Lehrern.

 

Geschenkt wird keinem etwas. Eine Stunde pro Woche steht fürs das Schüler-Lehrer-Gespräch zur Verfügung. „Ich möchte nichts anderes mehr machen“, sagt Rita Evert. Ihre Schülerschaft überrascht immer wieder mit zuvor ungeahnten Leistungen. „Ein Mädchen, das früher kaum den Mund aufbekommen hat, hat uns durch das Stadtmuseum geführt.“  Im Produktiven Lernen können sich  jahrelange Misserfolgserfahrungen zum Guten wenden – so erleben es die Lehrer immer wieder.

 

Ein Großteil der Abgänger begann die Lehre an früherem "Praxislernort"

 

Im Ministerium bemüht Barbara Schlesinger die Statistik: Im vergangenen Schuljahr hatten landesweit 181 Jugendliche das Produktive Lernen verlassen. 150 (fast 83 Prozent) erlangten die Berufsreife, 5 die Mittlere Reife, 26 (14,3) blieben ohne Abschluss. Mehr als die Hälfte wechselte in eine Berufsausbildung, ein Großteil begann die Lehre an einem früheren „Praxislernort“. Ein Erfolg bei Jugendlichen, denen das Scheitern im Schulbetrieb drohte.

 

Darum bemühen sich Lehrer aus dem Produktiven Lernen mit Nachdruck um geeignete Schüler. Ute Frehse, Leiterin der Regionalschule in Lübz, weiß um die Schwierigkeiten, die sich dabei auftun. In Zeiten der schülerbezogenen Stunden- und Mittelzuweisung „klammert jede Schule an ihren Schülern“, sagt sie. Sie unterstützt den Weg ihrer Produktivlehrer, Kollegen aus umliegenden Schulen einzuladen, um für ihr Lehrkonzept zu werben. „Das überzeugt meistens.“

 

Vom Land wünscht sie sich, dass es den Lehrern im Produktiven Lernen ermöglicht, sich ganz auf diese Aufgabe zu konzentrieren. Es sei ungünstig, nebenbei noch im Regelunterricht zu arbeiten, schätzt die Schulleiterin ein. Wer wie Whoopi Goldberg und Natascha Märker lernt, braucht motivierte, überzeugte Pädagogen.

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