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Ratzdorf (AFP). Nur noch als Insel ragt das gelb geklinkerte Pegelhäuschen in Ratzdorf aus dem graubraunen
Oderwasser. In roten Digitalziffern zeigt es 6,21 Meter Wasserstand
an. Bis zur Deichkrone an der Uferpromenade fehlen am Donnerstag
noch etwa 30 Zentimeter. Längst wurde eine Spundwand aus Aluminium
montiert, die dem Wasser auch dann noch Widerstand bietet, falls es
noch etwa einen Meter höher steigen sollte.
Es herrscht gespannte Ruhe im Hochwassergebiet. Doch die
Nervosität darüber, ob der Schutz wirklich halten wird, ist überall
erkennbar. In kurzen Abständen kurven der Amtsbrandmeister mit
einem feuerwehrroten VW Passat, die Polizei und die Bundeswehr in
Ratzdorf mit ihren Wagen zu Kontrollfahrten über die Deichkrone. In
der Luft drehen Hubschrauber laut knatternd ihre Runden.
Neben dem schwarz-rot-goldenen Pfahl an der Grenze zu Polen
wartet die Gaststätte „Oderblick“ auf Gäste. Die interessieren sich
neuerdings jedoch häufig mehr für das Hochwasser als für die
Speisekarte. „Der Deich ist doch nagelneu, er wird halten,
natürlich“, gibt sich der Wirt zuversichtlich.
Im Schnitt liegt der Oderpegel bei 2,40 Meter. Noch führen
Anwohner am Deich ihre Hunde spazieren, Touristen erkunden ihn zu
Fuß oder mit dem Fahrrad. Vom Schiffsanleger ist allerdings nur
noch das schwimmende Ponton zu sehen. Der Fuß der Zugangsbrücke ist
mehrere Meter unter den Fluten verschwunden.
Wer sich an der gesperrten Dorfstraße in Aurith auf den Weg zum
Deich macht, hört Kuckucksrufe durch die Stille, Schwalben fliegen
tief. Am östlichen Ende der Straße erhebt sich wenige Meter hinter
der Ufergaststätte „Bauernstübchen“ der grün bewachsene Erdwall,
der die Anwohner schützen soll. Dahinter ist die Oder bis etwa auf
halbe Deichhöhe gestiegen. Das schlammig braune Wasser bahnt sich
laut gurgelnd mit Strudeln einen Weg durch Bäume, die teils bis zu
den Kronen im Wasser stehen.
Elisabeth Hurian wohnt mit ihrer Familie im letzten Haus vor dem
Deich. Ihr schwarzer Kater stromert über den Hof, der Hund hat es
sich zu ihren Füßen bequem gemacht. Ihr Bruder hat am Tag zuvor auf
der Wasserseite einen kleinen weißen Stab mit selbstgemalten
Markierungen in den Deich gesteckt. Das Wasser ist über Nacht um
mehr als 30 Zentimeter gestiegen.
"Es sieht schlimm aus“, sagt die junge Frau. „Angst hat man
schon, doch ich denke, der Deich hält es aus.“ Darauf vertrauen
möchte sie aber lieber nicht. Die Sachen sind schon gepackt, der
Katzenkorb steht bereit. „Wir gehen weg mit den Tieren, retten
alles“, sagt sie. „Wir kommen bei Verwandten und Freunden unter.“
Ihr Vater und Großvater wollen allerdings bleiben.
Wenige Kilometer weiter in der Ernst-Thälmann-Siedlung das
gleiche Bild: Naturidyll und hinter dem Deich die gurgelnde Gefahr.
1997 standen die Häuser in der Siedlung bis zu den Dachrinnen im
Wasser. Dass es noch einmal so hart kommt, glaubt ein älteres
Ehepaar mit Blick auf den großteils erneuerten Deich zwar nicht.
„Aber die Angst steckt schon in den Knochen“, sagt die Frau
sorgenvoll. Vor 13 Jahren war ihr Hab und Gut im Wasser versunken.
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