Banger Blick auf die gurgelnde Gefahr

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Ein Pegelhaus in Ratsdorf in Brandenburg, aufgenommen am 22. Mai im langsam steigenden Hochwasser.
Foto: ddp
Ratzdorf (AFP). Nur noch als Insel ragt das gelb geklinkerte Pegelhäuschen in Ratzdorf aus dem graubraunen Oderwasser. In roten Digitalziffern zeigt es 6,21 Meter Wasserstand an. Bis zur Deichkrone an der Uferpromenade fehlen am Donnerstag noch etwa 30 Zentimeter. Längst wurde eine Spundwand aus Aluminium montiert, die dem Wasser auch dann noch Widerstand bietet, falls es noch etwa einen Meter höher steigen sollte.

Es herrscht gespannte Ruhe im Hochwassergebiet. Doch die Nervosität darüber, ob der Schutz wirklich halten wird, ist überall erkennbar. In kurzen Abständen kurven der Amtsbrandmeister mit einem feuerwehrroten VW Passat, die Polizei und die Bundeswehr in Ratzdorf mit ihren Wagen zu Kontrollfahrten über die Deichkrone. In der Luft drehen Hubschrauber laut knatternd ihre Runden.

Neben dem schwarz-rot-goldenen Pfahl an der Grenze zu Polen wartet die Gaststätte „Oderblick“ auf Gäste. Die interessieren sich neuerdings jedoch häufig mehr für das Hochwasser als für die Speisekarte. „Der Deich ist doch nagelneu, er wird halten, natürlich“, gibt sich der Wirt zuversichtlich.

Im Schnitt liegt der Oderpegel bei 2,40 Meter. Noch führen Anwohner am Deich ihre Hunde spazieren, Touristen erkunden ihn zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Vom Schiffsanleger ist allerdings nur noch das schwimmende Ponton zu sehen. Der Fuß der Zugangsbrücke ist mehrere Meter unter den Fluten verschwunden.

Wer sich an der gesperrten Dorfstraße in Aurith auf den Weg zum Deich macht, hört Kuckucksrufe durch die Stille, Schwalben fliegen tief. Am östlichen Ende der Straße erhebt sich wenige Meter hinter der Ufergaststätte „Bauernstübchen“ der grün bewachsene Erdwall, der die Anwohner schützen soll. Dahinter ist die Oder bis etwa auf halbe Deichhöhe gestiegen. Das schlammig braune Wasser bahnt sich laut gurgelnd mit Strudeln einen Weg durch Bäume, die teils bis zu den Kronen im Wasser stehen.

Elisabeth Hurian wohnt mit ihrer Familie im letzten Haus vor dem Deich. Ihr schwarzer Kater stromert über den Hof, der Hund hat es sich zu ihren Füßen bequem gemacht. Ihr Bruder hat am Tag zuvor auf der Wasserseite einen kleinen weißen Stab mit selbstgemalten Markierungen in den Deich gesteckt. Das Wasser ist über Nacht um mehr als 30 Zentimeter gestiegen.

"Es sieht schlimm aus“, sagt die junge Frau. „Angst hat man schon, doch ich denke, der Deich hält es aus.“ Darauf vertrauen möchte sie aber lieber nicht. Die Sachen sind schon gepackt, der Katzenkorb steht bereit. „Wir gehen weg mit den Tieren, retten alles“, sagt sie. „Wir kommen bei Verwandten und Freunden unter.“ Ihr Vater und Großvater wollen allerdings bleiben.

Wenige Kilometer weiter in der Ernst-Thälmann-Siedlung das gleiche Bild: Naturidyll und hinter dem Deich die gurgelnde Gefahr. 1997 standen die Häuser in der Siedlung bis zu den Dachrinnen im Wasser. Dass es noch einmal so hart kommt, glaubt ein älteres Ehepaar mit Blick auf den großteils erneuerten Deich zwar nicht. „Aber die Angst steckt schon in den Knochen“, sagt die Frau sorgenvoll. Vor 13 Jahren war ihr Hab und Gut im Wasser versunken.
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