Sabine Stüber, Die Linke:

Des Lebens wundersame Wege

Die Direktkandidaten für den Bundestag vorgestellt: Die 59-jährige Sabine Stüber (Die Linke) möchte ihren Überraschungserfolg von 2009 wiederholen.

Sabine Stüber (Die Linke) will am 22. September ihr Direktmandat im Wahlkreis Uckermark-Nordbarnim verteidigen.
Oliver Spitza Sabine Stüber (Die Linke) will am 22. September ihr Direktmandat im Wahlkreis Uckermark-Nordbarnim verteidigen.

 „Ich steige immer noch gerne auf einen Mähdrescher und schaue mir die Technik an“, sagt Sabine Stüber und lächelt dabei. Denn einmal Berufspolitikerin zu werden – daran hätte die gebürtige Prenzlauerin nie im Traum gedacht. Doch 2009 gewann sie gegen „Platzhirsch“ Markus Meckel (SPD) überraschend das Direktmandat und sitzt seitdem für die Links-Partei im Bundestag.

Der Lebensplan hatte anderes für die Tochter eines NVA-Offiziers vorgesehen. Zunächst lernte sie die halbe DDR kennen. „Mein Vater wurde quer durch die Republik geschickt“ und Sabine Stüber in Pasewalk eingeschult, an Schulen in Oranienburg und Nauen unterrichtet.

Ihr Abitur machte sie an der Arbeiter- und Bauernfakultät Halle. Ärztin wollte sie werden, doch dafür reichte der Zensurendurchschnitt nicht ganz aus („Nur“ 1,1 statt der geforderten 1,0).Für ein Mädchen damals wie heute ungewöhnlich: Mathematik als Lieblingsfach. Und dann natürlich die Sprachen. Sie kombinierte Technik und Russisch und studierte von 1972 bis 1977 Landmaschinenbau in Rostow am Don. „Eine völlig andere Welt“, erzählt Sabine Stüber. Wenn man damals schon in der DDR von Mangelwirtschaft sprach – wie sollte man dann erst die sowjetische Provinz bezeichnen?!

Nach der Rückkehr arbeitete die junge Diplomingenieurin im Kombinat Fortschritt, zuerst in Neustadt, Sachsen. Ihre Aufgabe: Absatz von Erntemaschinen in der Sowjetunion.

Nach dem Babyjahr wechselte die dreiköpfige Familie nach Elsterwerda, wo Sabine Stüber Melkanlagen entwickelte. Ein ganz prägendes Ereignis im Leben der jungen Frau: 1980 kam ihr zweites Kind, ein Sohn, zur Welt: mehrfach schwerstbehindert.

So zog die Familie 1982 nach Eberswalde, wo mittlerweile ihre Eltern wohnten, um Unterstützung zu finden. Bis 1986 blieb Sabine Stüber zu Hause, dann arbeitete sie im Institut für Pflanzenschutzforschung, zuständig für die Zusammenarbeit im RGW.Die Wende wirbelte viele Lebensläufe durcheinander. „Es war klar, dass das Institut abgewickelt wird.“ Das neu gegründete Institut lehnte die Bewerbung der Versuchsingenieurin ab.

Der Zufall half. Eine ehemalige Kollegin wurde Gleichstellungsbeauftragte in Eberswalde, im April 1991 bekam Sabine Stüber eine ABM-Stelle im Projekt „Laufnetz“, hier kümmerte sie sich um arbeitslose Frauen. Deren Zahl explodierte, als die Industriebetriebe platt gemacht wurden. Bis 2006 ging das so. Und nicht nur aus dieser Zeit weiß Sabine Stüber um die Sorgen und Nöte des „kleinen Mannes“, sondern auch aus eigenem Erleben: Von 2007 bis 2009 war sie 18 Monate arbeitslos. „Eine deprimierende Zeit, ich weiß, wie sich die Menschen da fühlen und welche Wut sie auf die Bundesregierung und deren leere Versprechungen und hohlen Phrasen entwickeln können.“

Im Februar 2009 bekam sie eine Stelle bei der Ländlichen Arbeitsfördergesellschaft Prenzlau, doch das wurde ein kurzes Gastspiel, denn im Herbst zog sie in den Bundestag ein. „Dabei galt Meckel als unbesiegbar“, staunt Sabine Stüber noch heute.

Als sie erstmals das Bundestagsgebäude betrat, kam ihr der SPD-Konkurrent an der Haustür entgegen. „Und er hat freundlich gegrüßt“, freute sie sich. Ein Erfolg, den sie sich wahrlich in den Mühen der Ebene schwer erarbeitet hat. Von 1990 bis 2003 war Sabine Stüber Kreistagsabgeordnete im Barnim, von 2008 bis 2011 Stadtverordnete in Eberswalde.

Die Nöte und Sorgen der Bürger kann sie in Berlin gar nicht vergessen, denn die Links-Politikerin ist Mitglied im Petitionsausschuss (und im Umweltausschuss). „Ich lese alle, 35 bis 50 Akten zu jeder Sitzung. Es geht um Lärm- und Naturschutz, um Arroganz in Jobcentern, um Asylbewerber, die von Abschiebung bedroht sind, um die Probleme bei der Bahn, um kaputte Straßen und, und, und ...“, erzählt sie. Wobei die Brandenburger besonders eifrige Eingaben-Schreiber seien. „Man darf sich eben nicht alles gefallen lassen und muss sich zur Wehr setzen. Nur wer sich bewegt, verändert auch etwas“, sagt die Bundestagsabgeordnete und eilt zum nächsten Wahlkampftermin.