Plastinator in Berlin umstritten:

Einblicke ins Menschen-Museum

Mehr als 40 Millionen Menschen weltweit haben Gunther von Hagens Körperwelten-Ausstellung gesehen. Hierzulande gab es immer wieder Streit wegen der plastinierten Leichen. Zuletzt auch in Berlin, wo am Mittwoch das Menschen Museum öffnet.

Gunther von Hagens präsentiert in seinem Körperwelten-Museums unter anderem 20 Ganzkörperplastinate.
Stephanie Pilick Gunther von Hagens präsentiert in seinem Körperwelten-Museums unter anderem 20 Ganzkörperplastinate.

Darf ein Museum direkt am Fuß des Berliner Fernsehturms plastinierte Leichen zeigen, die Skateboard-Tricks vollführen, Spitze tanzen oder an Ringen turnen? Um das Menschen-Museum des umstrittenen Plastinators Gunther von Hagens gibt es in der Hauptstadt seit Monaten Gezerre. Wegen des prominenten Standorts, aber auch immer wieder wegen der Frage, wie es grundsätzlich um die Achtung der Totenruhe stehe.

Zweimal ist der Bezirk Mitte bislang vergeblich gegen die Schau vor Gericht gezogen, ein weiterer Gang wurde schon angekündigt. Für von Hagens Ehefrau und Kuratorin Angelina Whalley ist indes klar: „Die Ausstellung feiert das Leben, nicht den Tod.“ Auch das Berliner Verwaltungsgericht sieht in den plastinierten Leichen keine „Leichen im Sinne des Gesetzes“ – und deshalb keinen Verstoß gegen das Bestattungsgesetz.

20 Ganzkörperplastinate in Glasvitrinen

Ein Blick vorab in die Schau „Facetten des Lebens“ zeigt: Ein morbides Gruselkabinett sieht in der Tat anders aus. Im Menschen-Museum sind die Wände des verschlungenen, 1200 Quadratmeter großen Ausstellungsraumes zwar tiefschwarz, versetzt mit einzelnen poppig-pinken Elementen, aber ansonsten ist man um wissenschaftliche Aufarbeitung bemüht.

20 Ganzkörperplastinate sitzen, liegen oder stehen – scheinbar eingefroren in komplexen Bewegungsabläufen – in großen Glasvitrinen. Jede zeigt einen Themen-Schwerpunkt, von Atmung über Bänder und Gelenke bis hin zum Nervensystem.

Anatomische Sammlung im modernen Gewand

Viele der Plastinate sind deshalb an den entscheidenden Stellen schlicht aufgeklappt und auseinanderpräpariert: So erlaubt etwa der Skateboarder, der beim Overhead-Trick seinen Hintern in die Höhe reckt, Einblicke in den muskulären Aufbau desselben.

Daneben: Fast 200 kleine Teilplastinate – von der Schrumpfleber bis zur Fettleber, von Embryonen verschiedener Entwicklungsstufen bis hin zum kompletten Verdauungsapparat mit meterlangem Darmgewinde. All dies ist mit kurzen, allseits verständlichen Erklärungen versehen – eine Anatomische Sammlung im modernen, populärwissenschaftlichen Gewand, die nicht abschreckt, aber hier und da doch leicht irritiert.

"Das ist ein Meilenstein meiner Karriere"

Ein paar Besucher strahlen eine besondere Art von Begeisterung aus. Es sind einige der bereits mehr als 15 000 registrierten Körperspender, die von Hagens Plastinarium in Guben einst ihren Körper vermachen wollen. „Ich habe einen Film gesehen, in dem gezeigt wurde, wie ein Körper im Sarg von Maden gefressen wird. Und einen anderen, wo man sieht, wie sich der Körper bei der Verbrennung im Krematorium aufbäumt. Das wollte ich beides nicht“, erzählt Detlef von Wengler den Reportern. „Dann sollen meine Enkel mich später lieber im Museum besuchen kommen.“

Wenig später steht Kuratorin Whalley, ebenfalls in schwarz und pink, auf dem Podium, und erläutert ihr Ausstellungskonzept. Neben ihr: Gunther von Hagens mit Hut und im roten Samtjacket, schwer von seiner Parkinson-Erkrankung gezeichnet. Mehrfach versucht er, das Wort zu ergreifen. „Das ist ein Meilenstein meiner Karriere“, sagt er schließlich. Dann hilft seine Frau und übernimmt das Mikrofon. Als Whalley von dem großen Moment spricht, den die Museumseröffnung für sie beide nach dem jahrzehntelangem Weg mit viel Gegenwind bedeutet, kämpft ihr Mann mit den Tränen.

Auch Gunther von Hagens möchte sich nach seinem Tod plastinieren lassen. Wo das Plastinat dann später stehen werde und wie es genau aussehen soll, sei aber noch unklar, sagt seine Frau. Auf alle Fälle werde es einen Hut tragen.