Prozessauftakt:

Kleiner Betrug löst große Explosion aus

Ein 35-Jähriger wollte sich Geld beschaffen, indem er Waren verkaufte, die er gar nicht besaß. Um das Ganze zu tarnen, hantierte er mit Sprengstoff. Das hatte böse Konsequenzen, die ihn vor Gericht brachten.

In der Verhandlung legte der Beschuldigte (links) ein Geständnis ab.
Patrick Pleul In der Verhandlung legte der Beschuldigte (links) ein Geständnis ab.

Die Sache schien perfekt, ging jedoch nach hinten los. Mit betrügerischen Warenverkäufen im Internet wollte Marcel B. das schnelle Geld machen. Der Clou: Der 35-jährige Bernauer lieferte das Bezahlte nicht und fingierte einen angeblichen Versandschaden, sodass er als Verkäufer nicht hätte belangt werden können.

Dass bei seiner hochexplosiven Inszenierung gleich ein ganzer Posttransporter in Flammen aufging, hatte er nicht einkalkuliert. Seit Mittwoch sitzt der gelernte Koch wegen zweifachen Betruges, besonders schwerer Brandstiftung und wegen Herbeiführens einer Explosion auf der Anklagebank des Frankfurter Landgerichtes.

Die betrogenen Kunden zahlten schnell

Der unscheinbare Vater einer zwölfjährigen Tochter gab zu, dass er am 14. Juli 2014 zwei Pakete mit brisantem Inhalt in eine Postfiliale nach Wandlitz gebracht hatte. Zuvor hatte er über eine Internetplattform ein Notebook für 2221 Euro sowie einen Full-HD-Beamer für 1815 Euro „verkauft“. Seine beiden Kunden zahlten auch schnell. Ausliefern aber konnte B. die Geräte nicht, weil er gar keine besaß. Also präparierte er zwei Pakete mit einer Motorradbatterie, einer Feuerwerks-Fontäne und einer Portion Napalm – hergestellt auf dem eigenen Herd aus Benzin und Seife.

Das Ganze verband der in Oranienburg wohnende Umschüler mit einem elektronischen Zeitschalter. Der war so eingestellt, dass sich die Pakete entzündeten, sobald das Postauto an der nächsten Filiale anhalten würde. „Es sollte nur brennen, nicht explodieren“, beteuerte der Angeklagte kaum hörbar.

Stattdessen aber hörte der verblüffte Postkurier-Fahrer ein lautes Zischen und Puffen. Auch andere Zeugen sprachen von einer unüberhörbaren Explosion, in deren Folge der komplette Kleintransporter und eine angrenzende Garage Feuer fingen. Der Postfahrer erlitt keine Verbrennungen, weil er gerade nicht im Auto war. Doch der Mann hätte schwere Verletzungen erleiden können, macht der Vorsitzende Richter Frank Tscheslog deutlich.

"Ich wollte nie jemanden verletzen"

„Heute weiß ich, dass das blauäugig von mir war. Ich wollte nie jemanden verletzen“, ließ der aufgrund seiner Online-Spielsucht chronisch klamme Angeklagte seine Verteidigerin vor Gericht verlesen. Er selbst bekam bei der anschließenden Befragung die Zähne kaum auseinander. Nur die Aussicht, dass er mit einer Freiheitsstrafe in Höhe von nicht mehr als fünf bis sechs Jahren davonkommen könnte, lockerte B. die Zunge. Im Ermittlungsverfahren hingegen hatte er beharrlich geschwiegen. Dabei wiegen die Beweise gegen den 35-Jährigen schwer.

Videomitschnitte aus der Überwachungskamera der Wandlitzer Postfiliale zeigen ihn bei der Paketabgabe. In der Werkstatt eines Freundes, die der Angeklagte mit benutzen durfte, fanden Ermittler Napalm und Pyrotechnik. Außerdem gestand er Freunden gegenüber die Tat.

Und nicht zuletzt hat er nach einem missglückten Silvesterexperiment 2011 eine verstümmelte Hand. Einen Hang zu Sprengstoffexperimenten leugnete er vor Gericht aber. Dabei wurden auf seinem Computer Videos gefunden, die zeigen, wie er ein Dixiklo oder eine Waschmaschine in die Luft jagt. Drei Tage nach der Explosion wurde B. festgenommen. „Ich sah aus der Ferne den Transporter brennen. Das war schon beängstigend“, gestand der Angeklagte vor Gericht. Der Prozess wird am kommenden Montag fortgesetzt.

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