Menschenraub im Auftrag der Stasi:

Überfallen, betäubt und entführt

Ein bislang wenig beleuchtetes Kapitel der deutschen Teilung erschüttert noch heute. Es geht um Menschen, die einst der DDR den Rücken kehrten und von der Stasi mit Gewalt zurückgeholt wurden. "Verräter" mussten mit drakonischen Strafen rechnen.

Dieser Tag vor 60 Jahren hat sich bei Karl Wilhelm Fricke eingebrannt. Er habe am 1. April 1955 ganz arglos mit einem Bekannten in dessen Wohnung in West-Berlin geplaudert und einen Kognak getrunken. Zu sich sei er erst Stunden später wieder gekommen - im Ost-Berliner Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen, berichtet der heute 85-Jährige im Besucherzentrum der Mauer-Gedenkstätte in der Hauptstadt. Im Glas von Fricke war ein Betäubungsmittel, die Bekanntschaft ein Stasi-Mann. "Das war ein Schock für mich."

Das Schicksal von Fricke ist Teil der Dokumentation "Auftrag: Menschenraub", die am Dienstagabend von der Stiftung Berliner Mauer, der Bundesstiftung Aufarbeitung sowie der Stasi-Unterlagen-Behörde als erste umfassende Untersuchung zu diesem Thema präsentiert wurde.

Stasi heuerte Kriminelle an

Etwa 400 Menschen, zumeist frühere DDR-Bürger, seien aus dem Westen mit perfiden Tricks entführt worden, hat Autorin Susanne Muhle akribisch recherchiert. Das Stasi-Ministerium habe gerade in den 50er Jahren Inoffizielle Mitarbeiter (IM) mit geheimen Aufträgen nach West-Berlin und in die Bundesrepublik geschickt, um "Verräter" oder "Abtrünnige" zurückzuholen und dann zu bestrafen. Die Stasi habe für die Geheimoperationen auch Kriminelle angeheuert, so Muhle. Nach dem Mauerbau 1961 ging die Zahl der Entführungen stark zurück.

"Das war eine Machtdemonstration" sagt die Historikerin zu den Stasi-Methoden in Hochzeiten des Kalten Krieges. Die Entführten landeten in DDR-Gefängnissen, meist völlig isoliert. Potenzielle Nachahmer sollten abgeschreckt werden, im Westen habe die Stasi zudem Verunsicherung schüren wollen.

Journalist fällt durch kritische Berichterstattung auf

Der aus dem heutigen Sachsen-Anhalt stammende Fricke hat erfahren: Angst sollte verbreitet werden. Und immer wieder hätten Offiziere in Verhören "illegale Nachrichtenverbindungen" und vermeintliche Hintermänner herausbekommen wollen. 1949 in den Westen geflohen, war der junge Journalist den DDR-Oberen durch kritische Beiträge aufgefallen. Nach monatelanger U-Haft wurde er zu vier Jahren Zuchthaus wegen "Boykott- und Kriegshetze" verurteilt. 1959 kam er frei. Über Jahrzehnte war Fricke dann Leitender Redakteur beim Deutschlandfunk.

Auch Heinz Brandt, der mit seiner Familie 1958 die DDR verlassen hatte, wurde 1961 von der Stasi entführt. "Tagelang wussten wir nicht, was passiert war", sagt sein Sohn Stefan Brandt. Bei der Verhaftung seien dem Vater Zähne ausgeschlagen worden. Der einstige DDR-Funktionär wurde in einem Geheimprozess verurteilt und saß im berüchtigten Gefängnis Bautzen. "Das war Unrecht", sagt Stefan Brandt. Sein Vater kam nach Protesten 1964 frei. Ein Nachbar hatte die Brandts ausspioniert, wie der Sohn später erfuhr.

Entführungen wurden abgesagt

Muhle befasst sich in ihrer Studie auch mit den Tätern. "Es ist davon auszugehen, dass die MfS-Spitze grünes Licht für die Entführungen gab", sagt die 35-Jährige. Eine extra Abteilung dafür habe es aber nicht gegeben. Was die SED-Spitze genau wusste - dazu fehlten Unterlagen. Doch die Autorin erfuhr auch von Fällen, in denen die Entführung in letzter Minute abgesagt wurde - um einen politischen Skandal zu vermeiden.

Historiker Jens Gieseke vom Zentrum für Zeithistorische Forschung meint: "Die Entscheidungen wurden immer von Walter Ulbricht getroffen." Ulbricht war damals Chef der Staatspartei SED. Gieseke weiß noch von einem besonders perfiden Detail: Ein Stasi-Offizier, der maßgeblich Entführungen plante, habe später den Freikauf der angeblichen DDR-Feinde durch den Westen mitorganisiert.

Nach dem Mauerfall kamen laut der Autorin 20 Anklagen gegen 29 Verdächtige zustande. Nicht einer der früheren Stasi-Leute sei zu Haft verurteilt worden, 16 Bewährungsstrafen seien verhängt worden. Entweder waren die Fälle verjährt, Entführer gestorben oder die Rechtslage unklar.

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